Turner Ronny Ziesmer nach seiner schweren Verletzung : Vom Reck aufs Rad

Seit einer Verletzung vor fünf Jahren ist der Cottbuser Turner Ronny Ziesmer querschnittsgelähmt. Am Sonntag startet er beim Marathon in Berlin.

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Dynamisches Duo. Ex-Turner Ronny Ziesmer (vorn) startet gemeinsam mit dem viermaligen Paralympic-Sieger im Handbike Heinrich...

Berlin„Berlin-Marathon? Den schafft der Ronny auch noch“. Diesen Satz hört man derzeit häufig in Groß Oßnig, einem 600-Seelen-Dorf südlich von Cottbus. „Der Ronny“ hat schließlich alles geschafft: den Deutschen Meister im Turn-Mehrkampf 2003, die Qualifikation für die Olympischen Spiele 2004, vor allem aber das Weiterleben als Querschnittsgelähmter nach dem schweren Sturz kurz vor Olympia in Athen.

Mehr noch: Ronny Ziesmer, geboren in Groß Oßnig und gerade 30 geworden, hat durch die Art, wie er seit jenem 12. Juli 2004 sein Leben im Rollstuhl meistert, vielen Menschen Mut gemacht.

Dass er am Sonntag den Berlin-Marathon im Handbike fährt, ist wieder so ein Signal. Denn ein solches Rad wird allein durch die Arme angetrieben und Ziesmer kann auch die nur sehr eingeschränkt bewegen. Sein Medienberater Eckhard Herholz erklärt das so: „Heben Sie den Arm bis zur Schulter, beugen Sie den Ellenbogen und richten Sie das Handgelenk auf – nur zu diesen drei Bewegungen ist Ronny fähig.“

Weil Ziesmer zwar seinen Bizeps, aber nicht den Trizeps nutzen kann, hat er keine Chance, bei den Handbikern zu gewinnen. Aber das ist unwichtig, sagt er:  „Nicht die Zeit steht im Vordergrund, sondern der Spaß und die Atmosphäre“. Trotzdem ist er in diesen Tagen untergetaucht, um sich in Ruhe vorbereiten zu können. Sein Vater hat ihm am Stadtrand von Cottbus ein behindertengerechtes Heim gebaut, dort lebt Ziesmer mit seiner Freundin – so selbstbestimmt, wie es viele nicht für möglich hielten. Schließlich hatten die Ärzte nach dem Bruch der Wirbelsäule in Höhe des fünften und sechsten Halswirbels eine sogenannte Tetraplegie diagnostiziert, bei der sowohl Arme als auch Beine gelähmt sind.

„Dass Ronny die Arme, wenn auch sehr eingeschränkt, wieder bewegen kann, ist ein Wunder“, sagt Eckhard Herholz. Er wurde nach dem Unfall so etwas wie ein väterlicher Freund für Ziesmer, und er hat ihm auch geraten, sich mit seiner – zunächst traurigen – Popularität für ein Vorhaben einzusetzen, das für behinderte Menschen neue Hoffnung bedeutet.

Den Marathon am Sonntag fährt Ronny Ziesmer denn auch vor allem als Werbung für seine Stiftung. Die hat er vor drei Jahren ins Leben gerufen. Aus Dankbarkeit, erzählt Eckhard Herholz: „Ronny hat schon wenige Wochen nach dem Unfall zu mir gesagt, dass er den Menschen, die sich so rührend um ihn kümmerten, unbedingt etwas wiedergeben will“. Als der Düsseldorfer Wissenschaftler Hans Werner Müller von neuen Erkenntnissen berichtete, die Millionen Menschen das Leben im Rollstuhl erleichtern könnten, zögerte der Ex-Turner nicht. Seine Stiftung „Allianz der Hoffnung“ soll die in vielen Ländern unabhängig voneinander betriebenen Forschungen in einem „Zentrum für neuronale Regeneration“ zusammenführen. Ziesmer hat die Idee schon 2005 dem damaligen Kanzler Gerhard Schröder vorgestellt. Der war begeistert und versprach Hilfe: Schröders Nachfolgerin Angela Merkel hielt sich an die Abmachung und übernahm die Schirmherrschaft über die Stiftung. Um selbst auf dem Laufenden zu sein, studiert Ronny Ziesmer Biotechnologie an der Fachhochschule Lausitz in Senftenberg. Dort fördert man Studenten mit Behinderung, die ja für vieles mehr Zeit brauchen, beispielsweise eine ganze Stunde, um sich anzuziehen.

Auch wenn Ziesmer seine Finger nicht bewegen und sie höchstens dazu benutzen kann, um etwas dazwischen zu klemmen – er fährt ein normales Auto, in das er ohne fremde Hilfe einsteigt. Die Fähigkeiten dafür hat er auch dem Training mit dem Handbike zu verdanken, das für ihn vor allem ein therapeutischer Apparat für die Meisterung des Alltags ist.

Den Marathon am Sonntag wird er in einem speziell dafür angefertigten Bike absolvieren. Und er wird einen ganz speziellen Begleiter haben: Heinrich Köberle, der im Handbike bereits vier Goldmedaillen bei den Paralympics holte. Mit ihm hat Ronny Ziesmer in der vergangenen Woche im Bundesleistungszentrum Kienbaum trainiert – dort, wo er einst den schweren Unfall hatte.

Vor der Distanz sei ihm am Sonntag nicht bang, sagt Ziesmer: 35 Kilometer am Stück ist er schon gefahren. Problematisch könnten nur das Wetter, ein Materialschaden oder unvorhergesehene Dinge werden. Dass er am Start trotzdem wahnsinnig aufgeregt sein wird, verschweigt der junge Mann aus der Lausitz aber nicht. Das Rennen ist immerhin sein erster Wettkampf. Nach mehr als fünf Jahren.

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