Twitterlesung : Literatur in 140 Zeichen

Twitter, eine Mischung aus SMS, Chat und Blog in Kurzform, wird immer beliebter. Jetzt kommt der Dienst auch zu literarischen Ehren. Auf dem Weblog Twitkrit werden fast täglich 140-Zeichen-Werke besprochen. Am Samstag laden die Macher in Berlin zur vermutlich ersten Twitterlesung der Welt.

Markus Frania

BerlinNormalerweise ist das bei Hypes aus der Technologieszene so: Ein neuer Dienst oder ein neues Produkt wird vorgestellt, Blogger schreiben darüber, wenig später auch die etablierten Medien und dann spielen einige Leute damit herum. Eher früher als später ist es dann wieder vorbei.

Bei Twitter ist das anders. Im März 2006 wurde der Dienst der Öffentlichkeit vorgestellt. Im vergangenen Jahr war Twitter dann das große Ding auf der Technologiekonferenz South by Southwest und gewann einen Web-Award als bestes Blog. Und heute - da ist Twitter, trotz gelegentlicher technischer Schwierigkeiten, populärer denn je. Nachrichtenportale twittern, Politiker wie Barack Obama tun es und die Mars-Sonde Phoenix tat es auch. Wenn es noch eines Beweises bedurft hatte, dass der Dienst mehr ist, als eine Randnotiz im schnelllebigen Webzeitalter, ist das spätestens seit dem Erdbeben in China klar. Die ersten Informationen über die Naturkatastrophe fanden sich nicht auf einem chinesischen Newsportal oder auf CNN, sondern in 140 Zeichen auf Twitter.

Ob die Welt darauf gewartet hat?

Worum geht es bei Twitter? Um einen Hybriden aus SMS, Blog und Chat-Dienst. Um die Beantwortung der Fragen: Was machst du gerade und wo bist du? - in 140 Zeichen, so genannten Tweets, per Computer oder Handy. Jeder Nutzer - ein Nachrichtenticker in eigener Sache. Und was noch wichtiger ist: Es gibt genügend so genannte Follower, die diese Kurznachrichten auch lesen wollen. Die neue Lust an der Selbstbeschränkung - sie scheint ständig neue Menschen zu befallen. Und jetzt soll der Dienst sogar zu literarischen Ehren kommen.

Twitkrit.de nennt sich ein neues Weblog, das kürzlich gegründet wurde und sich selbst als Plattform für Literaturkritik für Twitterbeiträge versteht. Fast jeden Tag werden eines oder mehrere der 140-Zeichen-Werke besprochen. Am Samstag laden die Macher von Twitkrit zur ersten Twitter-Lesung. Ob die Welt darauf gewartet hat? "Eine Lesung mit Beiträgen von SMS-Länge? Ist das nicht ein bisschen bescheuert? Diese naheliegenden Gedanken kamen auch uns zunächst auch", gibt Sascha Lobo, einer der Macher von Twitkrit, zu. "Bis wir uns entschlossen, es einfach auszuprobieren."

Fast 200 Anmeldungen sollen schon eingegangen sein. Und selbstverständlich wird das Event auch als Livestream im Internet übertragen. Die Moderation übernimmt der bekannte Blogger und Twitterer Johnny Haeusler vom grimmeprämierten Blog spreeblick.com. "Darüber hinaus konnten wir den diesjährigen Bachmannpreisträger, Tilman Rammstedt, für einen Gastauftritt gewinnen", freut sich Lobo. "Er wird die unserer Meinung nach besten deutschsprachigen Twitterbeiträge anderer Autoren vorlesen."

140 Zeichen sind mehr als genug für eine Kurzgeschichte

Diese Autoren sind zum Beispiel @codepolizei (Harm Lübben), @kaltmamsell, @sillium und @frank93 (Frank Lachmann), die als weitere Gäste auch selbst aus ihren Werken vorlesen werden. Auch @sixtus (Mario Sixtus) - der Onlinewelt als "Elektrischer Reporter" bekannt - ist mit dabei. (Zur Erklärung: das vorangestellte @ kennzeichnet bei Twitter die Benutzernamen oder Pseudonyme.)

Ob das Ganze jetzt Literatur ist? An der Länge der Texte lässt sich das in jedem Fall nicht festmachen. Das beweisen schon die japanischen Kurzgedichte - die so genannten Haikus. Und auch ein Meister der Short Story hätte sich an der Begrenzung von 140 Zeichen nicht gestört. Nur sechs Worte brauchte Ernest Hemingway für eine Geschichte, die er einmal als seine beste bezeichnete. "For sale: Baby shoes, never worn." Ganze 33 Zeichen. Bei Twitter hätte er viermal so viel Platz gehabt.

Die vermutlich weltweit erste Twitterlesung findet am Samstag, den 26. Juli um 20 Uhr im NBI in der Kulturbrauerei statt (Schönhauser Allee 36). Nähere Informationen finden sich unter http://www.twitterlesung.de. Mitveranstalter sind @pickiHH (Tina Pickhardt), @mspro (Michael Seemann) und @bosch (André Krüger).

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