Umzug : Mit der Geisterbahn zum Flughafen Tempelhof

Das Deutsch-Amerikanische Volksfest sucht einen neuen Standort. Veranstalter Richard Simmons bringt unter anderem den Airport ins Gespräch, um ein Stück Amerika in Berlin langfristig zu wahren.

Christian van Lessen

BerlinRichard Simmons ist optimistisch. Der Veranstalter des Deutsch-Amerikanischen Volksfestes am Hüttenweg ist nach Gesprächen mit den neuen Grundstückseigentümern sicher, dass es das Fest auch 2009 an dieser Stelle geben wird. Er macht sich keine Sorgen und hofft sogar, auch das Jubiläum zum 50. Fest im Jahr 2010 hier feiern zu können. Dann aber soll wirklich der Wohnungsbau beginnen.

Was dann? Simmons ist nicht mehr so traurig, wenn er an die Zukunft denkt. Es gibt zwei Alternativstandorte für das Fest, sagt er. Die eine ist in der Nähe des S-Bahnhofs Lichterfelde-Süd, auf dem Gelände, wo einst die in Berlin stationierten US-Truppen in einer Kulissenstadt Häuserkampf übten. Die andere liegt sehr viel zentraler und ist allen Berlinern bekannt: der Flughafen Tempelhof.

Tempelhof – das wäre eine Lösung, die ihn strahlen lässt: Zentral und großzügig gelegen und natürlich im einstigen amerikanischen Sektor, darauf legt der Amerikaner Simmons schon wert. Deshalb war der Zentrale Festplatz am Weddinger Kurt-Schumacher-Damm (früher französischer Sektor) eine völlig indiskutable Alternative für Dahlem. Er hat nun dem Regierenden Bürgermeister Klaus Wowereit geschrieben und den Standort Tempelhofer Feld vorgeschlagen. Der hätte die Idee gut gefunden, erzählt Simmons.

Aus dem Umfeld Wowereits, der im Urlaub ist, war dazu keine Stellungnahme zu erhalten. Und die Senatsbehörde für Stadtentwicklung, die das weite Feld nach Stilllegung des Flughafens unter ihre Fittiche nimmt, will sich „zu Einzelheiten noch nicht äußern“.

Der Abschied von Zehlendorf schwebt seit mehr als einem Jahrzehnt wie eine dunkle Wolke über dem Volksfest, weil auf dem freien Gelände zwischen Hüttenweg, Clayallee und Argentinischer Allee Wohnungen und Geschäfte entstehen sollen. Planungen zerschlugen sich, lebten wieder auf. Hier stand einst das Einkaufszentrum Truman Plaza der Amerikaner, und hier ist bis heute, unabhängig von der neuen Botschaft am Pariser Platz, das gefühlte Zentrum des amerikanischen Berlin.

Und es kommen mit den Berlinern immer noch viele Amerikaner, um heimisches Bier, Baked Potatoes, Corn-on-the-Cob, Ribs, Hot Dogs, Muffins, Chicken, French Fries, T-Bone Steaks und Lobster zu essen. Massachusetts ist der Bundesstaat, dem das aktuelle Volksfest gewidmet ist: „Indian Summer in Berlin“. Wieder gibt es ein amerikanisches Dorf, einen kleinen See, weißen Sand und einen Leuchtturm, der an den auf Cape Cod erinnern soll.

So heiß wie dort war es in den vergangenen Tagen, Temperaturen um 30 Grad wirken sich gerade am frühen Nachmittag aber nicht unbedingt publikumsfördernd aus. Dann sieht das Gelände, bevor es sich zu füllen beginnt, schon mal wie eine verlassene Goldgräberstadt aus. „Das tut weh“, sagt der Chef in seinem Container hinter der großen Bühne. Nicht zuletzt wegen der jetzt kühleren Tage rechnet Simmons jedoch bis zum 17. August mit 200 000 zahlenden Gästen, 480 000 Besuchern insgesamt, denn Kinder kommen gratis herein. Außerdem wird der Zwei-Euro-Eintritt mit vier Gutscheinen vergolten, dazu gibt es preiswerte Volksfest-Dollars übers Internet. Es hat sogar, als das Fest anfing, einen kleinen Obama-Effekt gegeben. Viele Auswärtige, wegen des Auftritts vor der Siegessäule angereist, nutzten den Besuch für eine Volksfest-Visite.

Der letzte Kindertag am Mittwoch war „stark“. So wird vielleicht sogar die Besucherzahl des letzten Jahres übertroffen, auch wenn gerade das Gauklerfest geöffnet hat und insgesamt die Berliner Schausteller über Umsatzeinbußen klagen. „Wir bekommen die Rezession am ersten zu spüren und den Aufschwung zuletzt“, sagt Simmons. Wieder hat er fast 100 Schausteller an den Hüttenweg gebracht, wieder ein Bühnenprogramm zusammengestellt, mit alten Bekannten wie Larry Schuba und Western Union.

Besonders stolz ist Simmons auf die Zeltausstellung „60 Jahre Luftbrücke“, die er mit dem gemeinnützige Verein „Alliierte in Berlin“ zusammengestellt hat. Mit Care-Paketen, Milchpulver- und Kaffeebüchsen, Getreidesäcken und Original-Militärfahrzeugen. Es gibt einen Film und Schautafeln, die über dasLeben während der Blockade informieren. Es fehlen zur Untermalung nur die vielen lebenden GIs, die früher über das Gelände bummelten. Gleich gegenüber aber flimmert die große Bingo-Halle, die mit ihren vielen Werbetafeln aussieht, als stünde sie wirklich in den Vereinigten Staaten.

Jutta und Martin Wegner aus Friedrichshain meinen, das Volksfest habe „Fluidum“, sei immer noch ein Stück Amerika in Berlin. Sie kommen fast regelmäßig zu den Festen am Hüttenweg, freuen sich auf ihre Stamm-Gastronomie, die sie schon vom Deutsch-Französischen Volksfest kennen. Vielleicht öffnet die „Taberna“ bald auf dem Flughafen Tempelhof. Christian van Lessen

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