Umzug : Staatsoper packt sich und ihre Geschichte ein

Drei Jahre Exil im Schillertheater stehen an: Der Umzug ist eine logistische Herausforderung.

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Blick nach Westen. Holzköpfe warten darauf, von einer Mitarbeiterin in der Maske der Staatsoper eingepackt und ins Schillertheater gebracht zu werden. Für drei Jahre wird Berlins älteste Oper dort ihr Ausweichquartier beziehen. Da in Charlottenburg weniger Platz ist, gehen 70 Prozent der jetzt verpackten Möbel und Requisiten in Außenlager. Foto: Mike Wolff
Blick nach Westen. Holzköpfe warten darauf, von einer Mitarbeiterin in der Maske der Staatsoper eingepackt und ins Schillertheater...

Wie ein waidwundes Tier liegt er da, der rote Vorhang, zusammengerollt, mit Plastikfolie umwickelt, fertig für den Abtransport. Er wird nicht zurückkehren in die Staatsoper, zu alt war er, brüchig, er hat seinen Dienst getan. Im Schillertheater wird ein neuer Vorhang hängen, und dann, wenn die drei Jahre Exil vorüber sind und die Staatsoper wieder nach Mitte zurückkehrt, wird dort noch mal ein anderer Vorhang für den dann runderneuerten Zuschauersaal angeschafft.

Vergangenes Wochenende war noch mal große Party im strahlenden Sonnenschein, Public Viewing und Public Picknick auf dem Bebelplatz. Jetzt ist Schluss, nur die Staatskapelle läuft nächste Woche noch mal groß zur Beethoven- und Bruckner-Form auf in der Philharmonie.

Für den Großteil der 580 Mitarbeiter aber heißt es: Einpacken und umziehen, einen Ort verlassen, an dem nicht wenige von ihnen seit Jahrzehnten arbeiten.

Zum Beispiel Ulrike Reichelt. Seit 35 Jahren ist die stellvertretende Chefmaskenbildnerin dabei, jetzt stapeln sich die Umzugskisten turmhoch. Ein Blick verrät: Sie sind voller Perücken, 7000 hält der Fundus der Staatsoper für die Damen bereit, noch einmal so viele für die Herren, plus rund 1000 Extraanfertigungen für die Solisten. Dazu kommen Hunderte von Holzköpfen und Schminktöpfchen, was sich eben so angesammelt hat in dem halben Jahrhundert seit der Wiedereröffnung des Hauses 1955. „Ich freue mich aufs Schillertheater“, sagt Ulrike Reichelt, „aber im Moment überwiegt die Melancholie.“ Niemand weiß, wie das Haus nach der Sanierung aussehen und wie es sich anfühlen wird. Ihre Kollegin Silke Herrmann zwei Stockwerke tiefer ist zwar „erst“ seit 1988 dabei, aber die Ankleiderin sieht in dem Umzug ein Abenteuer. Als gebürtige Ostberlinerin hat sie noch nie in Charlottenburg gearbeitet. Hier wie dort kümmert sie sich um die Solisten vor und nach dem Auftritt, sorgt dafür, dass Seife und Handtücher bereit liegen und Schäden an den Kostümen schnell geflickt werden. Auch Sebastian Alphons freut sich über den Umzug, denn er bietet einen unerwarteten Vorteil: Der Beleuchtungsmeister und seine Kollegen haben in den letzten Tagen mehr als 1500 Scheinwerfer aus dem Schnürboden abgebaut und ins Schillertheater geschafft – wie viele, das wissen sie selbst nicht genau. Jetzt können sie endlich alle vorhandenen Scheinwerfer zählen, messen und putzen – Umzug als Inventur.

Vor leeren Schränken steht auch Jonathan Dürr. Für den ersten Requisiteur des Hauses wird sich eine Menge ändern. Ein Großteil der Requisiten kommt künftig in einem Außenlager unter, wo sich auch die Kulissen befinden werden. Denn in Mitte braucht man Platz für zusätzliche Probebühnen. Die Anforderungen an den Betrieb sind heute andere als vor 50 Jahren. „Es ist ja nicht mehr so, dass Jessye Norman einfach auf die Bühne kommt und singt“, sagt Dürr. Heute gibt es ein komplexes Regietheater-Räderwerk, und das probt man am besten in Räumen, die den Originalmaßen der Bühne zumindest nahekommen.

Steigt man in die Keller unter dieser Bühne hinab, wird übrigens schlagartig klar, wieso diese Renovierung sein muss. Berlins Mitte ist in Sumpf und Wasser erbaut, die Wanne, in der die Staatsoper steht, hat Risse, die notdürftig mit Bitumen verstopft wurden. Der Wasserdruck ist so hoch, dass das Bitumen aus der Wand gedrückt wird, es sieht aus, als würden die Mauern bluten, und es riecht streng und stechend. Provisorische Gitter sind über die Gänge gelegt, sonst würde man nicht trockenen Fußes nach oben kommen.

Dort, vor dem Haus, stehen die Lastwagen bereit. Für die 34 000 Kubikmeter Umzugsgut werden 500 Fahrten nötig sein, bevor im September im Schillertheater der Vorhang hochgeht. Der neue.

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