Stadtleben : Unterirdische Liebesgrüße

Die letzte Restebesichtigung bei der Rohrpost

Lothar Heinke

Gebogene Röhren, aus denen pausenlos Kartuschen mit Neuigkeiten purzelten, Kompressoren, Schaltschränke mit den Aufschriften Chlbg., Nk, Stgl. oder Tphf, die die Teilung überstanden hatten – allzu viel ist nicht übrig vom einstigen Stolz unterirdischer Ingenieurkunst. Und nun sind die Reste vom zweitgrößten Rohrpostsystem der Welt vollends unsichtbar geworden. Der neue Besitzer des Haupttelegrafenamts in der Oranienburger Straße, die Freiberger Immobilien-Management GmbH, hat dem rührigen Berliner Unterweltenverein die Erlaubnis entzogen, die Keller des denkmalgeschützten Gebäudes zu durchstreifen. So kamen jetzt Hunderte Berliner zur allerletzten Besichtigung der Rohrpostreste.

Der „Kommunikationsdinosaurier“ hatte sein Leben 1865 begonnen. Da verkehrte die erste Rohrpostbüchse auf einer Privatlinie der Börse. 1876 ging das öffentliche Stadtrohrpostnetz in Betrieb, 1914 wurde das Haupttelegrafenamt erbaut, ein Postpalast nahe Schloss Monbijou, der zum Mittelpunkt des 400 Kilometer langen Rohrnetzes wurde. Für zehn Pfennig Zuschlag wurden die Briefe in einem ausgeklügelten System in 20 Minuten zum Amt des Empfängers geschossen, die Kartuschen schwebten auf einem Luftpolster mit bis zu 65 Stundenkilometern ihrem Ziel entgegen. 1967 wurde der Betrieb in Westberlin eingestellt, 1984 flogen die letzten Botschaften durchs östliche Röhrensystem. „Unterwelt“-Führer Kay Heyne: „Manchmal war auch schon mal eine weiße Maus oder ein Frühstücksbrot in der Röhre.“ Sicher nicht im Kanzleramt. Dort gibt es wieder eine hauseigene Rohrpost, abhörsicher wie eh und je. Lothar Heinke

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