Stadtleben : Urknall, Himmelsmusik und Hupkonzert

Zehn Jahre Lange Nacht der Museen: Berliner und Touristen drängelten sich in den Ausstellungen Kunstkenner, Naturliebhaber und Neugierige waren trotz teilweise langer Wartezeiten begeistert

Noch sechs Minuten und 13 Sekunden bis zum Urknall. Der Countdown auf der runden Leinwand läuft. Philipp und Paul machen es sich auf der riesigen scheibenförmigen Liege direkt unter der Leinwand bequem. Gleich beginnt der kurze Film über die Entstehung des Universums, der Mittelpunkt der Ausstellung „Kosmos und Sonnensystem“ im hinteren Teil des Naturkunde-Museums. Es ist Samstagabend kurz vor halb sieben, normalerweise hätte das Museum längst geschlossen. Aber gerade hat die 21. Lange Nacht der Museen begonnen, und in den Ausstellungsräumen drängeln sich die Menschen. Manchmal kommt man kaum vorwärts.

Das Naturkunde-Museum an der Invalidenstraße ist Philipps und Pauls erste Station an diesem Abend. Mindestens sechs Stopps haben die beiden 14-Jährigen aus Zehlendorf noch eingeplant – ganz schön viele, bis um zwei Uhr morgens die Türen der 110 teilnehmenden Museen, Regierungsgebäude und anderen Institutionen schließen. „Das Tolle an der Langen Nacht ist, dass wir mal so richtig spät ins Bett gehen dürfen“, sagt Philipp grinsend. Zu den Robotern ins Museum für Kommunkation wollen sie und zur Museumsinsel. „Aber auf keinen Fall ins Pergamon-Museum“, sagt Philipp. „Da musste ich schon so oft mit meinen Eltern hin und es gibt dort nie etwas neues.“

Ludmila Weimer sieht das ganz anders. Eine halbe Stunde später kommt die 60-Jährige gerade aus dem Pergamon-Museum. Und ist begeistert: „Da drin kann man Himmelsmusik hören“, sagt sie und lächelt so zufrieden, dass man ihren goldenen Backenzahn sieht. Sie erzählt mit viel Gestik von dem Gong-Spieler Jens Zygar, der stündlich am Pergamonaltar auf seine metallenen Scheiben-Instrumente schlägt. Und als sie erst einmal in Fahrt geraten ist, kann die kleine stämmige Frau gar nicht mehr aufhören mit dem Erzählen: von Mosaiken, Löwenfiguren und „tausend kleinen Vasen“. Sie wirkt wie ein kleines Kind nach der Bescherung. Kein Wunder, denn die Berlinerin, die vor sieben Jahren aus Moldawien nach Deutschland kam, ist gerade zum ersten Mal in ihrem Leben in einem Museum gewesen.

Das Ehepaar Weimar macht sich auf den Weg in Richtung Dom – dort wird eine besonders lange Schlange auf sie warten. Auch vor dem Bode-Museum gleich nebenan steht ausgiebiges Schlangestehen auf dem Programm. Die Ordner sind hier sehr streng. Thomas Renner aus Hamburg hat es schon bis in den ersten Stock zu den Barock-Kunstwerken geschafft. „Renner wie Läufer, nur schneller“, stellt sich der blasse kleine Mann in dem sehr bunt gemusterten Hemd vor. Und erzählt im gleichen Atemzug, dass er sich vorher das Arbeitszimmer des Regierenden Bürgermeisters angeschaut hat. Auch das Rote Rathaus ist in dieser Nacht für Besucher geöffnet. „Ich habe einen Augenblick mit ihm über seine Arbeit geplaudert“, sagt Renner stolz. Und erzählt, wie sehr in das Gemälde über Wowereits Schreibtisch beeindruckt hat. Was darauf war, hat er schon wieder vergessen. „So etwas Neumodernisches.“ Im Bode-Museum fasziniert ihn besonders die Deckenbeleuchtung .

Am Potsdamer Platz leuchtet es kurz vor neun viel romantischer in der lauen Sommernacht: Der fast volle Mond bescheint vor dem Kulturforum eine seltsame Szenerie. Fünf Autos stehen dort und ein Go-Cart. Die Fahrer hupen wild, aber im Takt zu einem klassischen Konzert aus einem Lautsprecher. Ein Mann im orange Müllmanner-Anzug, darüber ein schwarzes Sakko, dirigiert das ganze und singt dann eine Arie. Das ist der Auftritt der „Leipziger Autosymphoniker“.

„Ein bisschen albern“, findet die 18-Jährige Susi. Trotzdem sitzt sie entspannt in einem der vielen Liegestühle und hört mit ein paar hundert anderen Menschen dem Gehupe zu. Gleich will sie weiter zum Urknall: Auf die runde Liege unter der Leinwand im Naturkunde-Museum. Eine entspannte Nacht. Und eine spannende.

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