US-Botschafter Philip Murphy : Er vermisst nur den Direktflug nach Washington

Seit einem Jahr ist Philip Murphy US-Botschafter. Was er an Berlin mag? Die Weite, die Jugend, die Kulturen – und Hertha BSC, auch in der Zweiten Liga.

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Zimmer mit Aussicht. Von seinem Balkon aus schaut Botschafter Murphy, Jahrgang 1957, aufs Brandenburger Tor, Symbol der wiedervereinten Stadt. Das bewegt ihn noch heute.
Zimmer mit Aussicht. Von seinem Balkon aus schaut Botschafter Murphy, Jahrgang 1957, aufs Brandenburger Tor, Symbol der...Foto: Thilo Rückeis

Dass er Menschen liebt, muss US-Botschafter Philip Murphy nicht eigens sagen. Man merkt es ihm an, seiner Körperhaltung, seiner Art, Gesprächspartnern mit ausgestreckter Hand entgegenzugehen, seiner Art zu sprechen. Als er am morgigen Samstag vor einem Jahr in Berlin landete, nachdem Präsident Barack Obama seinen Wahlkampf-Finanzmanager persönlich zum Botschafter in Deutschland berufen hatte, war ihm noch nicht klar, wie sehr diese Aufgabe seinem Naturell entgegenkommt. Beziehungen zu Menschen aufzubauen war schon Murphys Leidenschaft, als er noch als Banker in Frankfurt arbeitete. Aber da konnte er das nicht auf so vielen Ebenen ausleben.

Noch etwas Entscheidendes war anders. Früher ging es nur um Geld. In der neuen Rolle sind für ihn die Themen viel tiefgründiger geworden: „Jetzt geht es manchmal um Leben und Tod.“ Er nennt beispielhaft Afghanistan, Iran, Klimaschutz. Freilich kümmert er sich nicht ausschließlich um große und globale Themen. Zu gerne würde er eine Nonstop-Flugverbindung von Berlin nach Washington durchsetzen, von Regierungssitz zu Regierungssitz. „Ich habe mit Luftfahrtlinien und Flughäfen gesprochen.“ Der private Flieger, mit dem er selber vor einem Jahr in Tegel gelandet ist, war eine Time-Share-Maschine, die sich mehrere teilen. Er selber fliegt meist Linie. Aber diese Direktverbindung zu bekommen, ist offenbar nicht leicht. Ein Knochenjob, sogar für Charismatiker.

Mit Soße? Gut gelaunter Besuch in einer Dönerbude.
Mit Soße? Gut gelaunter Besuch in einer Dönerbude.Foto: Thilo Rückeis

Wenn man sich das Botschafterleben ausschließlich glanzvoll vorstellt, wäre man wohl überrascht, Murphy auf einem schmalen Flur in der Botschaft zu treffen, ganz allein mit seinem Blackberry. Mobiltelefone sind in gewissen Bereichen des Gebäudes am Pariser Platz aus Sicherheitsgründen verboten. Das gilt auch für den Botschafter. Wer wie er mit Herausforderungen lebt, braucht gute Freunde. Schön, dass es für ihn „in der Welt keinen besseren Verbündeten gibt als Deutschland“. Vor wenigen Jahren gab es noch Turbulenzen in den Beziehungen. „Für mich ist es auch ein Vorteil, dass Präsident Obama so beliebt ist in Deutschland.“

Von Anfang an hat er aber auch selber mit seiner Affinität zu diesem Land Sympathiepunkte gesammelt. Dass bei den ersten Fotos vor einem Jahr die vier Kinder Hertha-T-Shirts trugen, sei freilich nicht seine Idee gewesen. Das war eine Überraschung von Ehefrau Tammy. „Die T-Shirts hat sie erst kurz vor der Landung hervorgeholt.“ Ja, die Familie werde auch künftig weiter zu Spielen von Hertha und Union gehen. Aber sie wollen auch Bundesligaspiele sehen und dann zu jeweils der Mannschaft halten, in deren Stadt gespielt wird. „Ich finde es beklagenswert, dass weder Berlin noch die neuen Länder Mannschaften in der 1. Liga haben“, sagt der Botschafter, dem in den USA eine Frauenfußballmannschaft gehört.

Von dort kommt viel Besuch. Auf die Frage, ob er öfter mal mit amerikanischen Touristen spricht, fängt er an zu lachen. „Ja, denn sehr viele gehören zur Familie.“ Wie bei vielen Landsleuten entzündet sich seine eigene Liebe zu Berlin immer wieder neu am Brandenburger Tor: „Ich bin noch jedes Mal ergriffen, wenn ich morgens wieder darauf schaue. Wir lieben diesen Ort.“

Er kümmert sich auch um den Dialog mit der türkischen Gemeinde. Hier scherzt Murphy beim türkischen Friseur.
Er kümmert sich auch um den Dialog mit der türkischen Gemeinde. Hier scherzt Murphy beim türkischen Friseur.Foto: Thilo Rückeis

Anders als zum Beispiel seinen französischen Botschafterkollegen nervt ihn auch der gelegentliche Rummel auf dem Pariser Platz nicht. „Ich wohne ja nicht hier, und wir können unsere Fenster eh nicht öffnen.“ Amerikaner seien typischerweise von Berlin in den Bann gezogen. Selber schwärmt er hemmungslos von der „weltweit einzigartigen, der magischen Stadt“. Wo gebe es das denn schon, einen Regierungssitz, der Weltstadt ist und gleichzeitig für Studenten und Künstler aus aller Welt zugänglich und bezahlbar. Er glaubt auch nicht, dass Berlin bald teurer wird. „Die Stadt ist ja sehr großflächig und breitet sich an den Rändern immer mehr aus. Das wird es verhindern.“

Murphys urgewaltige, sehr amerikanische Gute-Laune-Ausstrahlung überdeckt auf den ersten Blick ein wenig den Ernst, mit dem er sich seiner Aufgabe widmet. Der schimmert durch, wenn es um seine Erfahrungen mit Politikern geht. So große Unterschiede zwischen amerikanischen und deutschen hat er nicht entdeckt, eher eine Gemeinsamkeit. Ihn fasziniert die Entschlossenheit, etwas Gutes zu bewirken, auch wenn man unterschiedlicher Auffassung ist. Der Ernst, mit dem sich die meisten Politiker in diese Arena begeben, die schließlich auch persönliche Opfer verlange. Wenn er darüber spricht, wirkt er wie eine Figur aus Obamas Autobiografie, wo Menschen, wie der spätere Präsident, auf Geldkarrieren verzichten, um sich gemeinnütziger Arbeit zu widmen.

Blau-weißer Familienblock. Das erste Foto in Berlin von Familie Murphy, mit Hund - und in Trikots von Hertha BSC.
Blau-weißer Familienblock. Das erste Foto in Berlin von Familie Murphy, mit Hund - und in Trikots von Hertha BSC.Foto: ddp

Einen Unterschied zu den USA hat Murphy aber doch entdeckt: „Im Deutschen Bundestag sind erstaunlich viele junge Abgeordnete.“ Auf bestimmte Themen war er vorbereitet. „Aber ich hätte vor einem Jahr nicht gedacht, wie viel Zeit ich dem Thema Datenschutz widmen würde.“ Da habe sich sein Verständnis sehr vertieft. Ihm liegt daran, deutlich zu machen, wie wichtig auch den Amerikanern dieses Thema ist: „Wir haben nur unterschiedliche Ansätze, aber gewinnen immer mehr gemeinsamen Boden.“

Regelmäßig veranstaltet er sogenannte Townhall Meetings und ermutigt die jungen Zuhörer, ihre härtesten Fragen zu stellen: „Seid bloß nicht nett zu mir.“

Ob er sich ähnlich wie seine Vorgänger in der größten türkischen Stadt außerhalb der Türkei besonders dem Verhältnis der USA zur muslimischen Welt widmen will? Die Türkei sei ein sehr wichtiger Verbündeter, auch wenn man nicht in allem einer Meinung sei, sagt er. Um Beziehungen zu verbessern, hilft für ihn sowieso nur eins. Er klopft auf den Tisch, um seiner Herzensüberzeugung Gewicht zu verleihen: „Austausch. Austausch. Austausch.“ Lernen, sich in den Schuhen der anderen zu bewegen. Ganz wichtig sind ihm deshalb die Abendessen, die er in seiner Residenz aus Anlass religiöser Feste gibt. „Demnächst haben wir ein Iftar-Dinner zum Ramadan und dazu auch jüdische und christliche Freunde eingeladen.“ Umgekehrt werden auch muslimische Freunde zum Seder-Dinner zu Beginn des Passah-Festes geladen. Das sind für ihn Abende mit einem ganz besonderen Zauber. Brücken bauen, lernen, die anderen zu verstehen, miteinander sprechen. Sein mit poetischen Worten variiertes Credo klingt, als sei er der geborene Botschafter und der Bankerberuf nur ein Umweg dorthin gewesen.

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