„Varia Vineta“ : Die Drei vom Salontheater

Zwei Schauspielerinnen und ein Rockmusiker wagten in Pankow ein Abenteuer: Sie gründeten ihre eigene Bühne – das "Varia Vineta“.

Christoph Stollowsky
varia veneta
Wunschtraum verwirklicht. Olga Parkhomchuk (links), Anne und Christian Gröschel in ihrem Theater vor der Kulisse des Stückes "Vier...Foto: Kitty Kleist-Heinrich

Die Kopfbedeckungen sind ihr Markenzeichen. Olga, die Charmante, mit ihrem reich dekorierten Damenhut, spielt mal eine Märchenkönigin, mal einen Star in den 20er Jahren. Anne mit dem Chapeau claque, ist im Büro die Theaterdirektorin und auf der Bühne der Gestiefelte Kater oder ein britischer Landlord. Christian mit der Melone mixt an der Bar die Drinks, komponiert Musik für die Kinder- stücke und Abendprogramme und ist der Mann für die Werbung. Vor einem Jahr hat das Trio ein für Berliner Verhältnisse abenteuerliches Projekt begonnen: Die Schauspielerinnen Olga Parkhomchuk und Anne Gröschel haben mit dem Rockmusiker und Mediengestalter Christian Gröschel ein neues Theater eröffnet, das „Varia Vineta“ – obwohl es in der Stadt schon mehr als 70 professionelle Spielstätten gibt.

Zuvor hatten sie allerdings den Stadtplan studiert und reiflich überlegt, wo ein solches Vorhaben noch klappen könnte. In der City-West oder -Ost war ihnen die Konkurrenz zu groß. Aber der Kiez am Pankower U-Bahnhof Vinetastraße, gleich am nördlichen Rande von Prenzlauer Berg, erschien ihnen vielversprechend. Hier gibt es noch Marktlücken in der Club- und Theaterszene, obwohl seit einigen Jahren immer mehr Familien mit Kindern und kulturinteressierte junge Leute nach Pankow ziehen.

„Wir radelten durch die Berliner Straßen und entdeckten ein Schild: zu vermieten’“, erzählt die 28-jährige Anne Gröschel. Eine einstige Sparkassen-Filiale stand leer. Die drei bekamen den Mietvertrag, dann verwandelten sie mit Freunden die fade Immobilie binnen drei Monaten in ein elegantes Salontheater mit Plüsch, Stuck, Bar und Raum für etwa 80 Zuschauer. Wer Platz nimmt, unternimmt auch eine Zeitreise. Das Varia Vineta sieht fast wie ein Originaltheater aus den Zwanzigerjahren aus.

Zuallererst gewannen sie im Kiez ein großes kleines Fanpublikum. „Vini“, der Wicht mit Rauschebart, und Theaterdackel Isolde, Annes Hündin, helfen dabei kräftig mit. Beide begrüßen die jungen Gäste bei den regelmäßigen Märchenaufführungen. Maskottchen Isolde schwanzwedelnd, Vini mit dem großen Märchenbuch, aus dem er die ersten Sätze vorliest, bevor die Geschichte gespielt wird. „Und zwar klassisch inszeniert“, sagt Olga. „Ganz so, wie sich Kinder die Figuren vorstellen.“ Also die Hexe mit Hakennase, die Prinzessin im Tüllkostüm. „Sonst sind die kleinen Fans enttäuscht.“

Zehn Schauspieler haben die Theatergründer bereits für verschiedenste Märchenrollen engagiert. Das klappt finanziell, weil die Reihen meist vollbesetzt sind und sich das Varia Vineta zum Familientreff entwickelt. Vor der Bühne amüsiert sich das junge Publikum, an der Bar plauschen die Eltern. Jede Woche kommen auch Kitas und Schulklassen zu Sondervorführungen, werden im Theater Kindergeburtstage gefeiert. Dann schminken und verkleiden sich die Besucher in der Garderobe zwischen Spiegeln und Kostümständern. Und Olga bietet auch Theaterkurse an: Zur Zeit hat sie die sieben Geißlein und den Wolf um sich geschart.

Pankow ist inzwischen der Spiel- und Wohnort der drei. Sie sind in die Nähe ihres Wunschtraumes gezogen, auch um Zeit zu sparen. Ein eigenes Theater braucht vollen Einsatz. Olga (30), die einst als Au-Pair-Mädchen aus der Ukraine nach Frankfurt am Main kam und dort eine Schauspielausbildung absolvierte, näht die Kostüme. Anne avancierte zur Expertin für Förderfonds, aus denen Theaterprojekte unterstützt werden. Ihr Bruder Christian (30) mixt im Studio seiner Band „Grain“ rockige Bühnenlieder für den Gestiefelten Kater und an der Bar den „Bloody Mary“-Drink, wenn er nicht gerade die Varia-Vineta-Website neu gestaltet oder Plakate aufhängt.

Und dann gibt es in diesem Familienunternehmen noch die aktive ältere Generation: Annes Mutter, eine Schauspielerin, kümmert sich um die Dramaturgie und Texte der Märchenstücke, ihr Großvater, einst Regisseur beim DDR-Fernsehen, hat das Textbuch zur ersten Eigenproduktion verfasst. „Vier Leichen zum Dinner“ fürs Abendprogramm – eine Kriminalkomödie mit Anne als rätselhafter Landlord.

Zusätzlich holt sich das Trio Chanson- und Kabarettkünstler zu Gastspielen ins Varia Vineta. Dennoch können sie von ihrer Bühne noch nicht gänzlich leben. Olga und Anne jobben als Behindertenbetreuer, Christian tourt mit seiner Band und balladenhaftem „Rock aus Berlin“ umher. Doch das Varia Vineta spielt bei ihnen die erste Rolle. „Es ist toll, ein eigenes Theater zu haben“, sagt Christian. Auch wenn hier keiner alleine den Hut auf hat.

Varia Vineta, Berliner Straße 53 (am U-Bahnhof Vinetastraße), Tel.: 43723244 oder 0177-8613557, www.variavineta.de.

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