Varieté : Enthüllungen im Wintergarten

Der Mitgründer des Varietés rechnet mit seinem Vorgänger ab – und zeigt, wie er es besser machen will.

Udo Badelt
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Hauptsache rot. Die Hauptdarstellerinnen des neuen Programms, mit dem dem Wintergarten-Varieté für ein paar Wochen neues Leben...Foto: Mike Wolff

Es ist alles noch da: Das plüschige Foyer, die historischen Poster an der Wand, der künstliche Sternenhimmel, der rote Vorhang. So, als sei die Schließung des Wintergartens im Januar nur ein schlechter Scherz gewesen. Und tatsächlich erwacht das Haus jetzt noch einmal zu neuem Leben: Peter Schwenkow, Chef von DEAG Entertainment AG, Mitbegründer des Wintergartens und bis 2007 dessen Leiter, will hier, wie berichtet, ab 2. Oktober für sechs Wochen eine New-Burlesque-Show mit dem Titel „Black Flamingo“ zeigen. Gestern hat er Konzept und Künstler vorgestellt.

Auf den Tischen sind Dickmacher- Törtchen drapiert. Nicht unbedingt das, was man mittags essen will. Doch schnell zeigt sich, dass die Kalorienbomben durchaus in inhaltlichem Zusammenhang mit der Show stehen, denn wirklich schlanke Körper werden hier nicht zu sehen sein. Moderatorin Miss Evi, Striptease-Tänzerin Trixee Sparkle mit Fächern aus roten Riesenfedern und Herzchen auf den Brüsten oder The Teaserettes-Frontfrau Sandy Beach erfreuen sich durchaus sympathischer Rundungen. „Die Burlesque besitzt viel mehr Selbstironie als das klassische Varieté“, erklärt Regisseur Peter Sun, künstlerischer Leiter des Friedrichsbaus in Stuttgart. „Die Welt wird ins Groteske übersteigert, aber zugleich mit einem Lächeln bestaunt.“ Entstanden ist die Kunstform schon im 18. Jahrhundert, damals ging es noch darum, die aristokratische Oberschicht zu karikieren. Ihren Höhepunkt erlebte sie im Amerika des Vaudeville zu Beginn des 20. Jahrhunderts, seit einigen Jahren gibt es eine Revival-Welle, auf der auch Eurovisions-Stripperin Dita von Teese reitet.

Deren Wespentaille wird man allerdings im Wintergarten vergeblich suchen. „Und genau deshalb mögen Frauen noch mehr als Männer diese Shows“, so Peter Schwenkow, „weil sie nicht das Gefühl haben, einem Ideal entsprechen zu müssen“. Schwenkow investiert mit seiner DEAG eine Million Euro in die Produktion. Er ist überzeugt, dass sie besser ankommen wird als die letzten Shows, die unter Frank Reinhardt im Wintergarten zu sehen waren. „Da dachte jemand, er wisse es besser als seine Gäste“, tritt er seinem Nachfolger nach.

Reinhardts Neuerungen hält er für einen Fehler. Liegt die Zukunft des Varietés also in der Vergangenheit? Schwenkow glaubt jedenfalls zu wissen, was das Publikum will: „Die richtige Mischung aus Nostalgie, 20er Jahre und Erotik.“ Wieder richtig beim Wintergarten einsteigen will er trotzdem nicht. Die DEAG würde heute ihren meisten Umsatz mit populären Klassikveranstaltungen machen. „Mein Tag hat nur 24 Stunden.“ 

Stefan Freymuth, Geschäftsführer der Kuthe GmbH, der die Immobilie gehört und die Inventar und Markenrechte ersteigert hat, sucht also weiter einen langfristigen Betreiber. Denn, wie gesagt, es ist ja noch alles da.

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