Verbote ignoriert : Touristen beschmieren die East Side Gallery

Die East Side Gallery wurde für Millionen saniert und steht unter Schutz. Doch Touristen kritzeln ihre Grußbotschaften sogar auf die Gemälde.

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Die East Side Gallery ist einer der touristischen Anziehungspunkte in Berlin. Doch viele kommen nicht nur, um sich das Stück bemalte Mauer anzusehen - eine Bildergalerie.Weitere Bilder anzeigen
Foto: Kitty Kleist-Heinrich
28.10.2010 07:41Die East Side Gallery ist einer der touristischen Anziehungspunkte in Berlin. Doch viele kommen nicht nur, um sich das Stück...

Die East Side Gallery wird jeden Tag beschmiert. Die Botschaften reichen über „Es müssen weltweit noch mehr Mauern fallen“ bis zu „Ich heiße Flora und mag lange Strandspaziergänge“. Dazu kommen zahllose Liebesbezeugungen und Klassenfahrterinnerungen in verschiedenen Sprachen. Fast alle der gekritzelten Sprüche auf der vor zehn Monaten sanierten East Side Gallery tragen die Jahreszahl 2010.

„Dabei haben wir schon 2009 an den Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg appelliert, vorsorgend tätig zu werden“, sagt Kani Alavi, Vorsitzender der Künstlerinitiative East Side Gallery. Doch das sei nicht geschehen. Für die Wiedereröffnung der für zwei Millionen Euro sanierten Gallery im November 2009 hatten die meisten der rund 100 Mauer-Künstler von 1990 ihre Bilder neu aufgemalt. Damals wurden regelmäßige Kontrollgänge und Säuberungsaktionen aus verschiedenen Fördertöpfen bezahlt, um frisch angebrachte Graffiti schnell entfernen zu können. Für 2010 und darüber hinaus gibt es dafür kein Finanzierungskonzept. „Dabei ist rasches Handeln so wichtig. Wenn die ersten Sprüche stehen, sinken die Hemmungen rapide, den Stift aus der Tasche zu ziehen“, so Alavi.

Besonders deutlich wird das auf den „weißen Flecken“ der Gallery. Wo sich mehrere Künstler aus finanziellen Gründen geweigert hatten, ihre Bilder neu aufzumalen, sind beinah die kompletten Mauerstücke wieder beschmiert. Doch auch auf die Gemälde wurden längst Sprüche gekritzelt. Die Verbotsschilder werden von den Touristen ignoriert. Dort steht, auch auf Englisch: „Beschädigung und Verunreinigung sind untersagt und werden strafrechtlich verfolgt“.

Alavi fürchtet, dass sich dieser „Mangel an Respekt“ sukzessive auf die gesamte unter Denkmalschutz stehende Gallery ausweiten könnte, die an manchen Tagen von bis zu 6000 Menschen aus aller Welt besucht wird. Daher hat der 54-Jährige den Künstlern vorgeschlagen, über den weißen Flecken eine große Folie mit einer Kopie ihres ursprünglichen Bildes über den „weißen Flecken“ anzubringen. „Es ist unbedingt Sache des Bezirks, das durchzusetzen genauso wie die Graffiti-Kontrollen und Säuberungen“, sagt Alavi.

Im Jahr 2010 sind diese bisher aber nicht zu finanzieren gewesen. Denn die dem Bezirk zur Verfügung stehenden Mittel für die Grünflächenerhaltung hätten längst nicht ausgereicht, erklärt Jörg Flähmig, Referent von Bezirksbürgermeister Franz Schulz (Die Grünen). „Wir werden aber zusammen mit dem Landesdenkmalamt und dem Senat nach der Sommerpause sicherlich einen Finanzierungsweg finden“, so Flähmig. Er geht dafür von einer jährlichen Summe von rund 30 000 Euro aus. Das sei viel zu hoch gegriffen, sagt allerdings Alavi. „Man muss der bisher mit der Sanierung beauftragten S.T.E.R.N GmbH dafür nicht wieder so viel Geld zahlen“, empört sich der Künstler. Die gebe schließlich die Aufträge wieder an Subunternehmer weiter. „Wenn wir eine Firma direkt beauftragen, würde das insgesamt zwei Drittel weniger kosten“, sagt Alavi.

Auch ein anderer Konflikt ist noch nicht gelöst: Es geht um die derzeit noch weiße Westseite der Gallery, die nach dem Willen der Bezirksverordnetenversammlung zukünftig künstlerisch gestaltet werden soll. „Geplant sind jedoch nur temporäre Nutzungen, zum Beispiel mithilfe von Projektoren“, sagt Jan Stöß (SPD), Bezirkskulturstadtrat und Leiter der zuständigen Arbeitsgruppe. Das bezweifelt wiederum Alavi, er fürchtet eine dauerhafte Bemalung. „Das würde dem historischen Erbe dieses Ortes widersprechen“, sagt er. Schließlich sei die dem Todesstreifen im Ostteil der Stadt zugewandte Seite der Mauer immer weiß gewesen, um Flüchtende leichter erkennen zu können. Und auch wenn durch die heutige Bemalung Ost und West vertauscht seien: „Eine Seite muss weiß bleiben“, betont der Künstler.

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