Verkehr : Kult und Kühne

In Berlin boomt das Rollerfahren - für die Fans ist es viel mehr als eine Alternative zu Auto und BVG.

Thomas Loy
Roller
Andrea Curti rollert seit einem Jahr durch Berlin. -Foto: Heerde

Der weiße Helm mit Blütenapplikation, dazu ein roter Mantel und schicke Schuhe, Seidenrock und dieser knuffige Design-Zweitakter aus China. „Todschick“, sagt Andrea Curti, Hutladenbesitzerin in der Bleibtreustraße. Japanische Touristen hätten ihr am Potsdamer Platz schon hinterherfotografiert.

Andrea Curti knattert seit einem Jahr per Scooter – zu Deutsch: Motorroller – durch den Berliner Stadtverkehr, drei Kilometer von ihrer Wohnung zum Laden und wieder zurück. Wie sie tun es schon Zehntausende. In den zugeparkten Innenstadtbezirken ist Rollerfahren inzwischen eine Massenbewegung. „Das geht durch alle Schichten, vom Sozialhilfeempfänger bis zum Bankdirektor“, sagt Dirk Scholz vom Fachhandel „Roller-Scholz“. Unabhängig sein von Staus, BVG-Streiks und Umweltplaketten, schneller und bequemer als Radfahrer vorankommen, wenig Geld ausgeben und ein bisschen Dolce-Vita-Kultur aus Italien genießen. Für die 50-Kubik-Maschinen braucht man nur den Autoführerschein und eine Haftpflichtversicherung. Da sie nicht angemeldet werden, kennt auch niemand die Zahl der „Fuffziger“, die durch Berlin sausen.

Andrea Curti weiß von ihrem Roller nur, wie man ihn zum Fahren bringt. Um den Rest haben sich ihr Freund und dessen Kumpel gekümmert. Der Roller kam als Bausatz aus China zu einem Händler bei Worms, von dort über Ebay schließlich nach Berlin. Roller kann man online, in Baumärkten oder Großdiscountern kaufen, für 700 Euro oder auch weniger. Die gefragtesten sind laut Branchenverband aber immer noch die Vespas des italienischen Herstellers Piaggio. Einfache Vespas kosten ab 2400 Euro.

Die Billigimporte aus China sind für die Fachhändler ein rotes Tuch. Julian Kusch vom „Rollerhaus“ in Zehlendorf benutzt gerne den Schmähbegriff „rollender Totalschaden“. „Die fallen schon nach wenigen Kilometern auseinander. Wir weigern uns, solche Fahrzeuge zu reparieren.“ Dirk Scholz kann den Billigimporten aber auch eine positive Seite abgewinnen. Erst mal auf den Geschmack gekommen, werde ein Rollerfahrer mittelfristig zum Qualitätsprodukt wechseln.

Silvia Heinrich aus Charlottenburg würde sich heute keinen Bauhausroller mehr kaufen. Ausgerechnet zum BVG-Streik machte ihr „Star Quad“ schlapp. Ansonsten rollert die Lehrerin gerne durch Berlin – bei schönem Wetter, versteht sich. „Am Anfang habe ich mich nicht richtig getraut, aber inzwischen macht das Spaß.“ Zum Einkaufen oder zur Schule – „man ist ruckzuck da und kann vor der Tür parken“.

Wirkliche Rollerfans und Retronostalgiker würden sich natürlich niemals auf eine Importmaschine setzen. Für „Kalle“ von der „Morlocks Scooter-Gang“ sind das nur „Plastikroller“. Selbst die neuen Vespas fallen schon unter dieses Verdikt. Was nach 1980 gebaut wurde, hat bei Puristen wie „Kalle“, der 14 alte Vespas und Lambrettas pflegt, keine Chance mehr. Dennoch dürfen Plastikrollerfahrer beim größten Jahresevent der Morlocks mitfahren, dem „Anrollern“ am 1. Mai. Höhepunkt war in diesem Jahr ein 20-minütiges Rollern im Rundkurs um die Siegessäule.

Auf der Trendmeile Kastanienallee in Prenzlauer Berg stehen einige verwitterte Vespas auf dem Bürgersteig. Sie warten auf ihre Generalüberholung durch Chefmechaniker und Maschinenbaustudent Gregor. Er bürstet im hinteren Zimmer der völlig werbefreien „Vespino“-Ladenwerkstatt gerade einen alten Vergaser sauber und wird dabei immer wieder von Kunden gestört, die eine alte Vespa kaufen möchten. „30 waren heute schon da“, sagt Gregor grinsend. Er hat sie vertröstet bis in zwei Wochen. Dann ist vielleicht wieder ein Oldtimer auslieferungsreif.

Den zuletzt aufpolierten Antikroller, eine V 50 aus dem Jahr 1974 mit Rundlenker und winzigem Tachometer, wollte Gregor eigentlich für so um die 2500 Euro anbieten. Dann kamen aber zwei fanatisierte Vespasammler, die sich gegenseitig überboten. Die Auktion endete bei 3100 Euro. „Bei alten Vespas gibt es eine richtige Preisexplosion“, sagt Gregor. In den 90er Jahren konnte man die Maschinen noch günstig aus Italien importieren, aber jetzt sind die Italiener selbst auf den Retrogeschmack gekommen.

Rolf, 29, Werbeexperte aus Prenzlauer Berg, hat sich für 500 Euro bei Ebay eine Vespa PK 50 XL ersteigert, einen Blechroller mit Plastikteilen, bisher ohne Kultstatus, nach 20 Jahren und 13 700 Kilometern noch voll fahrtauglich. „Super Sache“, findet Rolf, „kostet ja nix.“ Die Tankfüllung – 5 Liter – reicht für eine Woche fahren. „Zwei Kumpel haben sich einen Roller gekauft. Da wurde ich angefixt.“ Mit seinem Fahrrad schafft Rolf es einfach nicht raus aus Prenzlauer Berg. Und mit der BVG zu fahren ist ihm zu umständlich. Jetzt braucht er nur noch einen stylischen Helm, weiße Halbschale mit schwarzem Mittelstreifen, in Größe XL. Ein klobiger Motorradhelm auf einer alten Vespa, das wäre ein Verbrechen.

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