VIDEO - Hip-Hop Stützpunkt : "Wir werden Berlin kulturell bereichern"

Die Macher des Hip-Hop Stützpunkts wollen auch Jugendliche ausbilden. Dass sie davon etwas verstehen, wird auf dem Eröffnungskonzert klar: Wir haben Fettes Brot, Massive Töne, Flowin' Immo, MC Réné, und einige andere beim Freestylen in der Marienburg gefilmt.

Michael Stürzenhofecker
Fettes Brot Foto: Maike Redeker
Flowin Immo und die drei von Fettes Brot sowie die Stieber Twins sind hier die Sprecher der "Klasse von `95."Foto: Maike Redeker

BerlinWer den "Hinterhof" der Marienburger Straße 16 betritt, fühlt sich wie in einer anderen Stadt. Umgeben von roten Backsteinbauten und freistehenden Feuerleitern ist man im New York der 70er Jahre. Genauer gesagt: in der Bronx. Nur die vielen jungen Kleinfamilien erinnern daran, dass man mitten im Prenzlauer Berg ist. Wie gemacht wäre diese Kulisse eigentlich für den neu eröffneten Hip-Hop Stützpunkt, dem letzten Puzzle-Teil des Joint Ventures "Marienburg". Dass dem nicht ganz so ist, erfährt man erst, wenn man mit den Gründern spricht. Über ein Jahr lang haben mehr als 50 Jugendliche ehrenamtlich das alte Umspannwerk mit all seinen Gleisen und Maschinen entkernt, tage- und wochenlang Bauschutt mit der Schubkarre abtransportiert, das Haus saniert und für die Eröffnung am 8.Juni rausgeputzt.

An die Beinahe-Ruine erinnert fast nichts mehr - dank der fleißigen Helfer. Stattdessen tanzen Jugendliche auf verschiedenen Bühnen. Besser: machen allerlei spektakuläre "Moves".  Andere "beat-boxen", das heißt, nur mit einem Mikrofon in der Hand ein Stück intonieren. Vor dem Haus zeigen Sprayer, dass Graffiti Kunst ist. Daneben hängen Portraits von allen, die beim Umbau des Stützpunkts mitgemacht haben.

"Es wird eine Klasse von 2008 geben"

Bei eben diesen Helfern wollte sich Akim Walta, Guru der Szene und Mitbegründer des Stützpunkts, bedanken - und lud dafür alte Bekannte ein. "Seine Klasse von 95" eben, damals noch unbekannte Vorgruppen. Die kamen auch, kostenlos und spontan machten Fettes Brot, Massive Töne, die Stieber Twins, MC Réné, Flex, Flowin' Immo und andere Meister der alten Schule eineinhalb Stunden Show auf der Bühne. Ohne Konzept, ohne Programm, spontan und "nur für Freaks". Die Fans waren begeistert. Auch weil sie, wie fast alle Anwesenden, von den Hip-Hop Proms auf der Bühne überrascht wurden. Akim wollte sich eben auf seine Weise bedanken und nicht einfach nur ein Konzert veranstalten.

Marienburg Foto: Maike Redeker
Überrascht vom "Geheimkonzert".Foto: Maike Redeker

Aber auch für die Musiker war es etwas besonderes. Flowin' Immo schwärmt: "Die Klasse von 95 war ein einmaliges und exklusives Vergnügen". Für "Schiffmeister Björn Beton" alias Björn Warns von "fettes Brot" war "die Klasse" gar "der Grundstein der deutschen Hip-Hop Szene, bei der Tour im Sommer `95 trafen sich die besten Rap-Bands Deutschlands." Und Mc Réné freut sich über das Revival: "es war wie in alten Zeiten". "Und das alles haben wir Akim zu verdanken" findet der Schiffsmeister von "fettes Brot". Und so stellt Immo auch in Aussicht, dass er zwölf Jahre nach seinem "Abschluss" öfter im Stützpunkt zu sehen sein wird. Akim selbst will aber erst einmal einziehen, aber er weiß schon jetzt:  "Es wird eine Klasse von 2008 geben".

Hier wird nicht auf die Schulnoten geschaut

Zusammen mit "Cosmic Frog" von "Berlin Massive", der "im wahren Leben" Marco Lauber heißt, "DJ Mesia" alias Matthias Hartmann und Sibylle Müller von der Sozialdiakonischen Jugendarbeit Lichtenberg, hat er das Projekt ins Leben gerufen. Die Lichtenberger haben als freier Träger die Baupatenschaft übernommen, auf staatliche Hilfen wollte man nicht angewiesen sein. Sibylle Müller hat Erfahrung mit Hip-Hop und Jugendarbeit. Zusammen mit "Cosmic Frog" hat sie schon das ein oder andere Festival organisiert. "Hip-Hop schafft Verbindung zwischen den Menschen, weil sich alle, egal wie arm oder reich, egal welchen Alters oder Geschlechts, auf Augenhöhe begegnen".

"Cosmic Frog" alias Marco Lauber stimmt zu: "Hip-Hop gibt allen die Möglichkeit sich einzubringen, ob nun als DJ, Maler, Rapper, Tänzer oder, ganz ohne alles, als Beat-Boxer. Hip-Hop entstand, wo mittellose Kids ihrer Kreativität freien Lauf ließen". Genau das wollen sie am Stützpunkt auch machen. "Wir werden kein Jugendzentrum sein, in dem Jugendliche einfach nur abhängen und qualmen", fügt "DJ Mesia" hinzu. Es wird eine Aufnahmestudio geben, Verlag und Agentur. Ganz einfach, ein Hip-Hop Netzwerk werden sie sein. Sie wollen, zusammen mit den anderen Firmen in der Marienburg, eine Anlaufstelle für die kreativen Jugendlichen werden, die sonst nirgends eine Chance bekommen. Zum Beispiel, weil die Noten nicht für einen Ausbildungsplatz als Tontechniker, Mediengestalter oder Veranstaltungskaufmann reichen.

Breakdance Marienburg Foto: Maike Redeker
Die Abteilung Tanz an der MarienburgFoto: Maike Redeker

Hip-Hop zu DDR-Zeiten



Eine Austellung in der ersten Etage des Stützpunktes unterstreicht diese Ambition. Dort hängen Fotos von Martha Cooper. Seit den 70ern hat sie spielende Kinder in der Bronx abgelichtet. Der heruntergekommene Stadtteil bot damals nichts als Industriebrache und Abfall - die Kids ließen in dieser Tristesse ihrer Kreativität freien Lauf - so entstand der Hip-Hop. Als erste hat sie damals einen Graffiti-Buchband herausgegeben. Verlegt hat sie des öfteren übrigens Akim Walta. Und der hat auch heute noch hohe Ansprüche: "Wir machen nicht diesen Goldkettchen-Hip-Hop, wie man ihn im Moment aus Berlin kennt". "Wir haben hier auch nicht das Ghetto, von dem die immer erzählen, wir haben andere Themen hier", ergänzt "Dj Mesia".

Sie sehen Hip Hop auch nicht mehr als reine Jugendkultur. "Oder sehen wir etwa aus wie Jugendliche" fragt "Cosmic Frog". Schon in der DDR hat er Hip-Hop gemacht, in all seinen Facetten. "Die Outfits mussten wir uns damals noch selber schneidern, die gab es ja nicht." Noch heute organisiert er Wettkämpfe, viele davon in Osteuropa. Auch Akim ist schon viele Jahre im Geschäft. Als Verleger, Produzent oder Vertreiber von "Tag-Stiften" in Japan. Der Mainzer gründete 1992 das "MEZZ". Damit sollte die Hip-Hop Kultur in Europa und Deutschland etabliert werden - bis heute fühlen sich die meisten Hip Hoper von der Gesellschaft und den Medien missverstanden.

Eine Jugendkultur will ins Museum

Deshalb soll der Stützpunkt auch nur der erste Schritt des Mit-Dreisigers auf dem Weg zu seiner eigentlichen Vision, einem "Hip-Hop-Museum", einem "Campus der Jugendkulturen", sein. Ein globales Netzwerk, eine Kommunikationsplattform für Hip-Hop soll im Prenzlauer Berg entstehen. Manche warfen ihm schon vor, die Kultur zu kommerzialisieren, weil er schon als style-Scout für große Sportartikelhersteller tätig war. Er selbst sieht das anders. Aber von staatlichen Hilfen will er trotzdem nicht abhängig sein. Er hat viel eigenes Geld in das Projekt gesteckt und erwartet auch, dass es sich selbst trägt. Nicht auf Hilfe zu warten, sondern aus dem gegebenem das Beste zu machen, ist eben Teil dieser Kultur. Und um diese Kultur zu transportieren, soll es ein Museum geben.

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