Virginia Jetzt! : Das Ende vom Lied

Am Freitagabend gibt es noch ein letztes Konzert im Admiralspalast, dann löst sich die Berliner Band Virginia Jetzt! nach elf Jahren auf. Was wird bleiben von der Band? Ein allerletztes Interview.

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Schluss jetzt! Die Band mit Sänger Nino Skrotzki (2.v.r.) und Mathias Hielscher (r.) spielt noch einmal ihre Hits.
Schluss jetzt! Die Band mit Sänger Nino Skrotzki (2.v.r.) und Mathias Hielscher (r.) spielt noch einmal ihre Hits.Foto: promo

Es soll böse gefeiert werden. Und bitte bloß nicht geheult. Sie wollen Freitag ihre Hits spielen, scherzen, sich selbst nicht zu ernst nehmen, ihre Freunde und Verwandten in den Plüschsesseln des Admiralspalasts sitzen sehen, und ganz am Ende werden sich die vier Musiker sogar... Aber das soll noch nicht in der Zeitung stehen.

Ganz sicher ist: Am Morgen danach wird es Virginia Jetzt! nicht mehr geben. Nach elf Jahren und vier Alben löst sich das Berliner Popquartett auf. Sentimentalitäten? Die kommen bestimmt, sagt Nino Skrotzki, der Sänger. Aber erst viel später. Heute hockt er auf einem grünen Stoffsofa, im Hinterzimmer des Michelberger Hotels an der Warschauer Straße, neben ihm Bassist Mathias Hielscher. Es ist ihr letztes Interview als Band. Beide sagen, dass sie ein bisschen angeschlagen sind, deshalb der Ingwer-Tee. Sie waren ein paar Tage unterwegs, haben noch einmal in Köln, München, Wien gespielt. Fühlte sich an wie eine Abschluss-Klassenfahrt. In Hamburg stiegen Fettes Brot zu ihnen auf die Bühne, und auch in Berlin sind Überraschungsauftritte befreundeter Musiker geplant. Rapper Maxim von K.I.Z. hatte ihnen geraten, die letzte Tour unbedingt „Virgehnja jetzt!“ zu nennen.

Es wird einiges bleiben. Die Tätowierungen der Fans zum Beispiel, Skrotzki sah sie auf Armen, Lenden und in Achselhöhlen, meistens weiblichen. Plus die Erinnerungen. Ihre Internetseite haben sie zu einem Museum umgebaut, man kann sich alte Videos und die Auftritte im Frühstücksfernsehen ansehen. Auch ihr Debütkonzert im April 1999, beim Bandbattle in ihrer Heimat Elsterwerda, Südbrandenburg, ausgerichtet vom lokalen Renault-Händler. Mathias Hielscher hielt einen grünen Luftballon in der Hand. Bald darauf zogen Virginia Jetzt! nach Berlin, und dann kamen: das erste volle Konzert im SO36, der Plattenvertrag mit Universal, die Ohrwürmer „Ein ganzer Sommer“, „Wahre Liebe“ und einige mehr. Wenn man sie fragt, warum es nun Zeit ist, diese Band aufzulösen, dann können sie das nicht in einem Satz beantworten. Auch nicht in zehn. Jedes Mitglied hat eigene Motive, aber deren Schnittmenge lautet wohl: Die Luft ist raus. Der Wille, für diese Band und diese Kollegen alles zu geben, verschwand irgendwann.

Die Abschiedstour ist so angenehm wie lange nicht, sagen sie. Weil Virginia Jetzt! nichts mehr zu verlieren haben – sie müssten schon sehr großen Mist bauen, um ihrem Andenken noch nachhaltig zu schaden. Wurden Fehler gemacht? Nee, sagen sie erst, und dann: ja klar. Aber sprechen wollen sie nicht darüber. Sie haben keine Lust auf eine Spielauswertung.

Zu lernen gab es reichlich, etwa: dass sich Bands hinter deutschen Festivalbühnen nicht über Orgien, sondern Steuerspartipps unterhalten. Oder dass auch vermeintliche Riesenegos in Wahrheit umgängliche Menschen sein können. Nach ihrer Teilnahme an Stefan Raabs „Bundesvision Song Contest“ riefen dauernd Leute an und fragten, ob der Raab tatsächlich so ein Choleriker sei, wie manche flüstern. Aber kein bisschen, haben sie immer geantwortet. Ist ein super Typ und dazu musikinteressiert! Sie haben auch gelernt, im richtigen Moment abzuschalten. Man hockt sich ja ganz schön auf der Pelle, sagt Hielscher. Und um zu demonstrieren, wie eng es auf einer Tourbusrückbank werden kann, hüpft er plötzlich ein ganzes Stück nach links auf dem grünen Sofa, direkt an seinen Sänger dran. Und der legt ihm gleich seinen Kopf auf die Schulter, und man ahnt, dass sich dieser Kopf und diese Schulter über Jahre sehr vertraut geworden sind.

Als sie das erste Mal im Radio liefen, dachten Freunde in der Heimat: Die wohnen doch jetzt sicher in schicken Villen. War natürlich Quatsch, und auch künftig werden sie arbeiten müssen. Der Drummer renoviert Altbauwohnungen, der Gitarrist studiert, Bassist Hielscher ist Eventmanager und DJ, Skrotzki betreut junge Bands. Genau solche wie Virginia Jetzt! vor zehn Jahren. Zukunftsangst hat keiner von ihnen. Wer Sicherheit will, hätte sich eh niemals auf eine Musikerkarriere eingelassen, sagen sie.

Nicht alle Wünsche sind in Erfüllung gegangen. Der große Durchbruch blieb aus. Aber auch kleine Dinge wie: dass mehr als nur einer in der Band singt. Es wollte einfach nicht klappen, trotz quälender Gesangsstunden.

Das Ende ist endgültig. Nicht so wie bei Knorkator, die sich bereits nach zwei Jahren wieder zusammengerauft haben. Eine Rückkehr ist schon aus materiellen Gründen ausgeschlossen, sagt der Bassist. Der Mann hat so viele Wetten abgeschlossen, dass genau dies nicht passiert – er wäre finanziell ruiniert.

Das Konzert beginnt um 20 Uhr. Es gibt noch Karten für 23 Euro an der Abendkasse.

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