Volksbühne : Souffleuse im Rampenlicht

Beim Freiluft-Stück der Volksbühne spielt die Souffleuse Tina Pfurr selbst mit. Sie wird in drei Metern Abstand zu Fabian Hinrichs durch das Gelände rennen.

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Keine Randfigur. Souffleuse Tina Pfurr vor dem Portal der Volksbühne. Foto: Thilo Rückeis
Keine Randfigur. Souffleuse Tina Pfurr vor dem Portal der Volksbühne. Foto: Thilo RückeisFoto: Thilo Rückeis

Der Anfang war einfach. Bei einem Hänger hat man einfach geschrien. Zum Beispiel „Tina!“ oder „Hilf ihr nicht! Hilf ihr nicht“. Dann gab Tina Pfurr, Stamm-Souffleuse bei René Pollesch, ihr Stichwort. Wenn Fabian Hinrichs nun diesen Freitag in „Der Perfekte Tag“ gleich zu Beginn die hundert wichtigsten Erfindungen vom Faustkeil bis zum Nanomotor mit Jahreszahl aufzählen muss, dann ist ebenfalls Tina Pfurr „von Sekunde eins in seiner Nähe“. Sie wird mit ihm durch das Freiluftgelände der Volksbühne in Pankow rennen. Mit zwei, drei Metern Abstand, aber Augenkontakt. Und sie wird nach all den Jahren individuellen Schauspiel- und Kommunikationstrainings auch ohne Schrei wissen, ob er sie braucht.

Pfurr machte Schultheater und Abi in Kassel, dann Dramaturgie- und Regieassistenz in Göttingen. 2001 zieht sie „auf gut Glück“ nach Berlin und bekommt prompt einen Anruf, dass an der Volksbühne kurz vor der Premiere eine Souffleuse fehlt. Noch am selben Tag probt die damals 20-Jährige mit an „Insourcing des Zuhause. Menschen in Scheiß-Hotels“. Pollesch-Text, das heißt Masse, Schnelligkeit, Komplexität. Pfurr fasziniert, dass man ihn nicht ganz bewältigen kann. Weder das Publikum, noch das Team. „Man hat die Möglichkeit an einem Punkt anzudocken und dann mit diesem Gedanken durch den Rest des Textes zu gehen. Alles auf einmal zu verstehen ist ziemlich unmöglich.“ Auch sie schweife manchmal ab. Aber selten.

Die Souffleusen haben bei Pollesch jedenfalls mehr zu tun als das „Hauchen, Atmen“, von dem die Berufsbezeichnung kommt. Bei der Probe sind alle gleich aufgefordert, den Text zu erarbeiten und voranzutreiben. So entsteht gemeinsam das Stück. Aus Aberglauben verwendet Pfurr zum eigentlichen Soufflieren meist die Erstfassung mit ihren vielen handschriftlichen Änderungen. Seit „Soylent Green“, ihrer zweiten Produktion, ist sie mit auf der Bühne. Nicht wie andere Souffleusen im Zuschauerraum, am Bühnenrand oder hinter einem Funkmikro versteckt. Das Programm nennt Pfurr manchmal als „mitspielende Souffleuse“, oft aber auch nicht. Dafür steht im Pollesch-Text manchmal „Tina“, wenn sie auch einen Satz hat.

„Eyh, bist du nicht die Pollesch-Souffleuse?“ hört sie schon mal auf der Straße ganz charmant. Ob sie jetzt eine Rolle spielt oder wirklich souffliert? „Man muss es halt erklären“, sagt die 29-Jährige. Denn bei Pollesch gibt es ja eigentlich keine Rollen. „Man ist Teil dieser Crew, die da auf der Bühne steht und einen Teil dazu beiträgt, dass der Abend funktioniert und der Inhalt vorangetrieben wird.“

Diese treibende Art von Theater, anfangs vier bis fünf Stücke pro Jahr, war prägend. „Das ist auf jeden Fall meine Schule gewesen.“ Einen Ausflug zur klassischen Rollen- und Arbeitsteilung wie bei der „Dreigroschenoper“ fand sie „sehr interessant“. „Um nur am Rand zu sitzen und nicht Teil des Geschehens zu sein, bin ich dann doch nicht genug Souffleuse.“ Im Gegenteil, Pfurr bringt sich verstärkt selbst ins Geschehen, entwickelt eigene Projekte, arbeitet mit dem Hörspielproduzenten Paul Plamper und agiert als Schauspielerin. Zuletzt im Ballhaus Ost. Text zu lernen fällt ihr leicht. Selbst die Pollesch-Tiraden kennt sie irgendwann „automatisch“. Auch als Hebamme Penelope in der selbstproduzierten Internet-Sitcom „torstrasse-intim“ musste ihr niemand reinbrüllen. „Und manchmal ist durch einen Hänger etwas entstanden.“ Katharina Ludwig

„Der perfekte Tag“, Ruhrtrilogie Teil 3 von René Pollesch - 2. bis 11. Juli, Volksbühne OPEN AIR in Pankow, Eingang Granitzstraße, Karten: Tel. 030/24 065 777

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