Volksentscheid : Ernüchterung nach der Denkzettel-Wahl

Der Volksentscheid ist gescheitert, die Icat will weiter kämpfen. Die Wähler im Westen geben ihr Recht.

Matthias Jekosch/Sandra Dassler

Andreas Peter gab sich sehr entspannt. „Ich war joggen und habe Formel Eins geschaut“, beschrieb der Vorsitzende der Initiative City-Airport Tempelhof (Icat) seinen Sonntag. Doch als gegen 19.30 Uhr das erste Trendergebnis verkündet wurde, zuckten seine Mundwinkel doch etwas nervös. Monatelang hatte die Icat auf diesen Tag hingearbeitet, musste gestern abend auf der Party in der Halle des Flughafens jedoch einsehen: Der erste Volksentscheid in Berlin war gescheitert.

Der Kampf um die Interpretation der Zahlen lief aber auf vollen Touren. Im Pressebüro saß der Icat-Vorstand mit hochroten Köpfen zusammen und rang noch um die richtigen Worte. „Ich fordere die Regierungsparteien auf, das deutliche Votum zu berücksichtigen“, sagte Peter schließlich gegen 20.15 Uhr.

Eigentlich sollte es eine „Tempelhofretterparty“ werden. So hatte die Icat den Empfang in der Airbase-1 genannt. Um 19.30 Uhr wurde es dann still. „Ich weiß nicht. Der Trend geht zum Nein“, stellte Icat-Präsident Bernhard Liscutin nüchtern fest. Und die Berlinerin Nataliya Pysanska ließ ihre Berlin-Fahne eingerollt. Die hatte sie eigentlich für die Party mitgebracht. Die Retter wirkten ernüchtert.

Am frühen Abend war die Stimmung noch optimistischer. Die Band probte „I will survive“. Eine 70-jährige, die sich als „Berlinerin, die sich noch erinnern kann“ vorstellte, war sich auch sicher, dass Tempelhof als Flughafen überleben würde. Sie hatte Waldmeister mitgebracht. „Der ist für die Maibowle, mit der wir die Offenhaltung feiern“, erklärte sie.

Den ganzen Tag über waren die Tempelhof-Befürworter noch guter Hoffnung gewesen. „Tempelhof erhalten, Arroganz stoppen“, stand auf vielen Plakaten am Hindenburgdamm. Die Arroganz hatte für viele Menschen, die hier ins Wahllokal auf dem Charité-Campus kamen, einen Namen: „Klaus Wowereit kann nicht einfach erklären, dass ihm egal ist, wie das Volk denkt“, sagte ein älterer Wähler: „Tempelhof interessiert mich eigentlich nicht, aber Machtmissbrauch schon.“

Am Hindenburgdamm, hatten kurz nach dem Mittagessen schon 35 Prozent der dort wahlberechtigten Lichtenfelder ihre Stimme abgegeben. Ähnlich war es in der Grundschule am Steglitzer Insulaner, wo die Lehrerinnen Katharina Jacob und Gabi Lenz mit zwei weiteren Kolleginnen und einer ehemaligen Schülerin das Wahllokal 025 betreuten. Sie machten keinen Hehl daraus, dass sie sich über die hohe Beteiligung freuten. „Das ist vor allem ein Denkzettel für Wowereits selbstherrliches Verhalten“, sagt Gabi Lenz: „So einen Chef möchte ich nicht haben.“ Ansonsten genossen die beiden die freundliche Stimmung im Wahllokal. Aus Versehen habe eine ältere Dame die Brille ihrer Kollegin mitgenommen – das sei das einzige „besondere Vorkommnis“ gewesen.

In der Otto-Suhr-Allee 91 in Charlottenburg hingegen ging eine Wahlkabine zu Bruch. „Eine Frau hat sich so furchtbar über Klaus Wowereit aufgeregt und mit den Händen gefuchtelt, dass die Kabine umfiel und in zwei Teile zerbrach“, erzählte Sylvia Brenke. Sie war hier die Wahlvorsteherin, und ihre ganze Familie – Ehemann, Tochter und Sohn – half mit.

Im Bürgeramt Heerstraße 12-14 hatten Sabine Pahlitzsch und Lutz Nuklies das „Ja“ angekreuzt. „Wir sind für die Erhaltung von Tempelhof“, sagten sie. Und dass die Pläne des Senats für die Nachnutzung zu vage seien. Dass ein Volksentscheid nicht einfach ignoriert werden sollte. Diese Argumente hörte man gestern im Westteil der Stadt immer wieder.

„Wir kämpfen weiter“, erklärte der Icat-Vorsitzende Peter an. Bereits heute will die Icat ankündigen, wie sie dabei vorgeht. Auch den rechtlichen Weg wollte Peter nicht ausschließen. „Es gab nicht unerhebliche Behinderungen“, sagte er, ohne Details zu nennen. Am Abend feierte er trotzdem in der Airbase-1. Mit Interpretationen geht es heute weiter.

Matthias Jekosch/Sandra Dassler

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