Vom Glamour die Trümmer : Der "90 Grad" Club vor dem Abriss

Einst war das "90 Grad" der heißeste Club der Stadt, jetzt ist er eine Ruine. Höchste Zeit, sie vor dem Abriss zu durchstöbern. Ein Streifzug.

von
Der frühere In-Club "90 Grad" in der Dennewitzstraße 37 ist heute eine Ruine.Alle Bilder anzeigen
Foto: Doris Spiekermann-Klaas
08.05.2011 15:19Der frühere In-Club "90 Grad" in der Dennewitzstraße 37 ist heute eine Ruine.

Über der Tanzfläche hängt die Dämmung in Fetzen von der Decke. An der Theke hat jemand eine Zeitschrift vergessen. Das Magazin mit Beth Ditto auf dem Cover stammt vom Juli 2009 und scheint tatsächlich auch schon so lange hier zu liegen – die millimeterdicke Staubschicht hat sich in eine feste Kruste verwandelt. Der Boden ist mit Schutt und Scherben übersät. Kaum zu glauben, dass dies noch vor wenigen Jahren einer der glamourösesten Orte der Stadt gewesen sein soll.

Das „90 Grad“ in Schöneberg war berühmt für seine langen Nächte und rauschenden Partys. Im Oktober 1989 eröffneten Britt Kanja und Bob Young ihren Club in der leer stehenden Halle einer Autowerkstatt. Während sich draußen die Welt wendete und drehte, während Ost und West zusammenfanden, tanzten drinnen schillernde Lichtgestalten und exaltierte Träumer. In kürzester Zeit kamen immer mehr Menschen in den Laden an der Dennewitzstraße, die an dieser Stelle mit einer zackigen 90-Grad-Kurve in die Kurfürstenstraße übergeht. So fanden Kanja und Young einen Namen für ihren Club – und ein dauerhaftes Zuhause für ihre bis dahin an wechselnden Orten stattfindenden Veranstaltungen.

Heute bildet sich am Eingang keine Schlange mehr. Auch der berühmte Schriftzug ist längst verschwunden. Am Tor neben dem Gebäude hängt ein Schloss und versperrt den Zutritt. Durch die goldenen Gitterstäbe kann man in den verwahrlosten Hof blicken. Erst wenn man sich dem Komplex von hinten nähert, erkennt man zwischen eingerissenen Wänden die Überreste des Clubs: die überdachte Außenanlage mit den markanten Steinmauern, den Vip-Bereich, die Toiletten. Zwischendrin stehen vertrocknete Pflanzen, unwiderruflich verdorrt.

Der Mann mit den kurzen blonden Haaren und der orangefarbenen Arbeitsmontur, der plötzlich aus dem Nichts auftaucht, meint es vermutlich nicht böse, wenn er Schaulustige darauf hinweist, dass das Betreten der Baustelle verboten ist. Im Inneren des Gebäudes sacken an manchen Stellen die Dielen ab. Die Decke sieht aus, als würde sie jeden Moment über einem zusammenbrechen. Und dennoch scheint sich der Bauarbeiter daran gewöhnt zu haben, dass immer wieder Menschen hierherkommen und die Ruine mit einer Mischung aus Neugier und Beklemmung erkunden. Bevor er zum Handy greift und die Polizei ruft, gibt er noch routiniert Auskunft: „Das alles wird komplett abgerissen, bald soll hier ein Park entstehen.“ Dann verschwindet er wortlos.

Noch ist der Park am Gleisdreieck bestenfalls zu erahnen, auch wenn die Arbeiten bereits vor anderthalb Jahren begonnen haben. Im Westteil des fast 30 Hektar großen Areals sollen Spielplätze, Liegewiesen und Kleingärten entstehen. Wer mit dem Rücken zur Dennewitzstraße steht und Richtung Tempelhofer Ufer blickt, sieht vorerst nur eine trostlose Brache. Gelegentlich kommen Jogger und Fahrradfahrer vorbei, ein Mann geht mit seinem Hund spazieren. Sie alle werfen einen Blick auf die Mauern, die an längst vergangene Zeit erinnern. Man glaubt, in ihren Gesichtern ein wissendes Grinsen zu erkennen.

Ein paar Meter vom ehemaligen „90 Grad“ entfernt stehen große Container, die darauf warten, mit den Überresten des Clubs gefüllt zu werden. Mannshohe Müllsäcke sind voll mit alten Bürounterlagen – abgestempelte Getränkebons, Quittungen und fünf Jahre alte Lohnabrechnungen. Dazwischen zwei aneinandergetackerte Kassenbons vom 4. Februar 2006. Die Bestellungen wurden nachts um fünf aufgegeben: zwei Wodka mit Apfelsaft, dazu Mineralwasser und Cola. Mit Kugelschreiber hat jemand „Oli Junke“ auf die Zettel gekritzelt.

Gut möglich, dass damit Oliver Juhnke gemeint ist, der Sohn von Harald Juhnke. Er zählte einst ebenso zu den prominenten Gästen des Clubs wie Matt Damon, Leonardo DiCaprio und Hugh Grant. Legendär ist die Geschichte von Britney Spears, die von einem Türsteher abgewiesen wurde, weil der sie nicht erkannt hatte. Ebenso legendär ist Georges Clooneys Flirt mit der Klofrau, die von ihm einen Kuss auf die Wange bekam. Auf der immer noch aktiven Internet-Seite des Clubs sind viele dieser Momente in Form von Fotos gegenwärtig. „The past is not dead. In fact, it’s not even past“, steht da – auch wenn das natürlich nicht stimmt.

Dass die Vergangenheit tot ist, merkt man beim Verlassen des Geländes. Im Sand liegt ein Flyer, der mit einer nackten Frau für eine Party im April 2008 wirbt. Da hieß das „90 Grad“ schon „Reich und schön“ und wurde von David Offermann betrieben, einem Golflehrer. Zwei Jahre zuvor hatte Nils Heiliger, der 1999 als Nachfolger von Bob Young und Britt Kanja eingestiegen war, den Club nach mehreren Rückschlägen verkauft. Erst hatte ein Feuer großen Schaden angerichtet. Kurz darauf wurde der Geschäftsführer des Clubs, Thomas Aichele, bei einem Überfall schwer verletzt. Heiliger zog sich daraufhin entnervt aus dem Partygeschäft zurück. Mittlerweile arbeitet er als Immobilienmakler.

Bob Young, der einstige Gründer, lebt hingegen immer noch für die Nacht: Am 20. Mai feiert er mit seiner „GMF“-Veranstaltungsreihe 15-jähriges Jubiläum, die Party steigt im „Asphalt“ am Gendarmenmarkt. Betrieben wird der Club von Daniel Höferlin, dem einstigen Manager des „90 Grad“.

9 Kommentare

Neuester Kommentar