Stadtleben : Von Dackeln und Kakerlaken

Kleine Welt: Wladimir Kaminers „Reiseführer für faule Touristen“

Stefan Berkholz

Wladimir Kaminer gilt als bekanntester Russe Berlins. Seine Russendisco im Kaffee Burger sei Kult, heißt es, er selbst sowieso. Aber seine Texte? Sein Berliner „Reiseführer für faule Touristen“ scheint allzu schnell und sorglos rausgehauen zu sein. Es ist eine Plauderei über allerlei, nur selten zum vorgegebenen Thema. Der Untertitel kam offenbar eher zufällig zustande.

Im Kapitel „Handeln und Feilschen in Berlin“ plaudert Kaminer drei Seiten lang über Sitten und Bräuche in seiner Heimat Russland. Auf einer abschließenden vierten Seite nähert er sich dem versprochenen Thema. Im Kapitel „Die Kriminalität“ erzählt er vor allem, was er einst in Lissabon erlebt hat. In einem dritten Abschnitt salbadert er ganz allgemein über das überbewertete Fußballspiel in deutschen Landen. Auf Berlin kommt er kaum zu sprechen. Überschrift dieses Kapitels: „Die Fußballstadt“.

Trifft Kaminer das Thema doch einmal, kann es amüsant werden: Einige Merkwürdigkeiten abseits der ausgetretenen Pfade spießt er auf. Er erwähnt (oder erfindet?) „eine spezielle Stadtführung zu Goebbels’ Schuster, Görings Frisör und Hitlers Sockenstrickerin“, angeblich ein Highlight bei englischen und amerikanischen Touristen. Er besichtigt eine Dackelranch in Lichtenrade. Er führt zu einer Bonbonmacherei in der Oranienburger Straße. Er empfiehlt Kakerlakenrennen an unterschiedlichen, schwer zu ortenden Plätzen. Und er berichtet über das kultige (oder doch schon wieder langweilige?) Dunkelrestaurant in Berlin-Mitte.

Einiges wirkt bereits überholt. Otto Schily beispielsweise ist bei Kaminer noch immer ein sehr wichtiger Mann. Und sonst? Über Kapriolen beim Fernsehen nach der siebten, achten Klappe hat Loriot längst lustiger und gültiger erzählt als Berlins Vorzeigerusse. Dafür kommen seine auserwählten Tipps für diese Stadt nicht nur einmal vor, sondern gleich doppelt: am Ende jedes Kapitels und hinten, im sogenannten Anhang auf weiteren 35 Seiten, gleich noch einmal.

Der Verlag kündigte das Buch als „Reiseführer der anderen Art“ an und versprach „witzig-charmante Geschichten über Berlin“. Reklame, nichts als Reklame. Das Buch könnte auch heißen: Wladis kleine Welt. Oder: Einmal rund um die Schönhauser. Wahrscheinlich sind diese Stegreiftexte etwas für die Fangemeinde im Kaffee Burger. Als Reiseführer ist dieses Büchlein nicht ernstzunehmen.







— Wladimir Kaminer:
Ich bin kein Berliner. Ein Reiseführer für faule Touristen. Goldmann Verlag, München. 256 Seiten, 8.95 Euro.

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