Stadtleben : Von des Meisters Hand

Im Opernpalais werden 1200 Originale versteigert Im Angebot sind Briefe von Fontane bis Marx

Lothar Heinke

Der 500 Seiten starke Katalog zur bevorstehenden Autografenauktion des traditionsreichen Antiquariats J. A. Stargardt liest sich wie ein „Who is who“ deutscher und europäischer Kultur und Politik. Briefe, Gedichte, Zeichnungen, Fotos oder eben nur die Unterschriften berühmter Personen der Zeitgeschichte sind hier versammelt, wenn der Auktionator am 1. und 2. April im Opernpalais die Objekte aufruft, damit die Sammler oder Abgesandten von Museen und Bibliotheken ihre Bieternummern in die Höhe halten und ihre Konten öffnen – und schon wechseln die Dokumente ihren Besitzer.

Wie kommen all diese Schätze, unter ihnen Verse aus Schillers „Wilhelm Tell“ oder Briefe von Mozart (40 000 Euro!), Barlach, Beethoven und Liszt, Jahrzehnte und Jahrhunderte nachdem sie geschrieben wurden, zu Stargardt in die Brentanostraße und auf den langgestreckten Auktionstisch? Juniorchef Wolfgang Mecklenburg nennt als die wichtigsten Quellen der 1200 Originale private Besitzer, tauschbereite Sammler, aber auch Erben, die eher durch Zufall an das Schriftstück eines Prominenten gekommen sind.

Ein Sensationsangebot wie voriges Jahr mit dem Original von Theodor Fontanes Story vom Birnbaum zu Ribbeck im Havelland ist diesmal nicht im Angebot, aber dafür gibt es verschiedene Briefe vom märkischen Dichter, einer – mit 1600 Euro ausgepreist – dürfte die Antwort auf einen quengelnden Autogrammsammler sein, denn Fontane schreibt am 21. November 1896: „Trage Gott mit Freuden, die Welt (und auch den Autographensammler) mit Geduld.“

Bemerkenswert reichhaltig präsentieren sich unsere Weimarer Dichterfürsten. Ein Goethe-Brief von 1803 an Johann Heinrich Voß, 15 Zeilen von des Meisters Hand zur „Unterhaltung der schönen Musenkünste“, sind mit 6000 Euro ausgepreist, während für 33 Autografen an Schwiegertochter Ottilie das Mindestgebot bei 50 000 Euro steht. Die zwei Zeilen „Es regnet gern / wo es nass ist“ von Meisters Hand müssen dem Liebhaber mindestens 1600 Euro wert sein, während ein Brief von Ulrike von Levetzow, Goethes letzter Liebe, schon ab 250 Euro zu ersteigern ist. Weil wir gerade bei unerfüllter Liebe sind: Auch der berühmte Vierzeiler aus Heinrich Heines „Buch der Lieder“ ist im Angebot. Für 6000 Euro. Was Goethe wohl gefallen hätte: „Anfangs wollt ich fast verzagen, / Und ich glaubt’ ich trüg es nie – / Und ich hab es doch ertragen – / Aber fragt mich nur nicht: wie?“

Der „bedeutendste Marx-Brief, der bisher durch unsere Hände gegangen ist“, nennt Wolfgang Mecklenburg ein vierseitiges Schreiben an Sophie Gräfin von Hatzfeld, einst die Gefährtin von Ferdinand Lassalle. In winzigen Buchstaben äußert Marx im Oktober 1864 „Scepticismus nicht an der Sache, auch nicht am schließlichen Sieg unserer Ansichten, wohl aber Zweifel an den Massen u. den Leitern dieser Massen“. Dieser Brief – Angebot und Nachfrage bestimmen auch hier den Preis – ist mit 30 000 Euro ausgezeichnet. Das seltene Schriftstück kommt aus einer alten Sammlung, die an verschiedene Erben gegangen ist.

Mindestens 600 Euro müssen die Sammler für den Entwurf der Rücktrittserklärung vom Amt des Bundeskanzlers von Ludwig Erhard vom 29. November 1966 auf den Tisch legen, wenngleich das dreizeilige Schreiben an Bundespräsident Heinrich Lübke durchgestrichen und nie abgeschickt worden ist. Zwei Tage später trat Erhard tatsächlich zurück. Und noch ein Politiker jüngeren Datums taucht in der Rubrik „Geschichte“ auf: Unter der Losnummer 944 gibt es einen Brief von Erich Honecker vom 31. Oktober 1992 aus der Untersuchungshaftanstalt Moabit an einen Holländer, der sich für sein Schicksal interessiert hatte: „Ich antworte Ihnen umgehend, da ich seit meiner Jugendzeit Ihr Land, Land und Leute, sehr schätze“. Unterschrift: „Staatsratsvorsitzender der DDR a D“. Mindestgebot: 180 Euro.

Übrigens: Die meisten Briefe sind deshalb so rar und reizvoll, weil sie mit der Hand geschrieben wurden. Welcher Staatschef tut das heute noch? Die Frage, was dann in hundert Jahren bei Autografenauktionen angeboten wird, vermag auch der Auktionator von heute nicht zu beantworten. Lothar Heinke



— Besichtigung ab Montag von 10 bis 18 Uhr, Auktion Dienstag und Mittwoch ab 10 Uhr im Opernpalais Unter den Linden 5.

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