Vor dem 1. Mai : Volle Montur

Sturmmasken, Buttons: Spezialläden in Kreuzberg führen alles, was der Straßenkämpfer so braucht.

Florian Ernst

Am Dienstag vor dem 1. Mai ist es im „M 99 Gemischtwaren mit Revolutionsbedarf“ in der Manteuffelstraße eng. Was nicht unbedingt am großen Andrang liegt, sondern eher daran, dass der Laden sehr klein ist. Ein junger Mann in komplett schwarzer Montur mit Button-besetzter Baseballcap ist gerade an der Reihe. Ein Paar Teflonhandschuhe möchte er haben, zwei Windbreaker, eine Sturmmaske mit Augenschlitz, zwei Bauchtaschen und zwei T-Shirts – alles in Schwarz. Ladenbesitzer Hans-Georg Lindenau ist also erst mal beschäftigt, alle weiteren Kunden warten geduldig.

In dem Laden gibt es alles, was das Straßenkämpferherz begehrt. Neben textilen Ausstattungsgegenständen sind auch Bücher für das theoretische Hintergrundwissen im Angebot, beispielsweise Bücher über Anarchismus, kreativen Straßenprotest, aber auch über Initial- und Sekundärsprengstoffe.

Lindenau ist schon seit Jahren Mitglied der Szene. Seit 1985 führt er sein Geschäft in der Manteuffelstraße, davor hatte er seit 1978 verschiedene andere in der Stadt. Der Straßenprotest ist ihm nicht fremd. Er erzählt er von einer politischen Aktion auf dem Ku’damm Anfang der achtziger Jahre oder von einer Aktion 1988. Damals hielt eine Gruppe verschiedener linker Gruppierungen fünf Wochen lang das Lennédreieck besetzt, ein Gebiet, das auf der Westberliner Seite der Mauer lag, aber zum Staatsgebiet der DDR zählte. Als das Areal zum Stichtag 1. Juli 1988 zwischen DDR und Bundesrepublik getauscht werden sollte und die Polizei kam, um das Gebiet zu räumen, stiegen etwa 200 Besetzer über die Mauer. „An beiden Aktionen“, sagt Lindenau, „war ich aktiv beteiligt.“

Der nächste Kunde ist an der Reihe. Er kauft Aufnäher mit verschiedenen Motiven und zwei Antifa-Buttons. Eine junge Frau nimmt einen Geldbeutel, ihre Begleiterin fragt nach großen Aufnähern für die Jacke. „Sind fast alle weg. Nur ,SchleimKeim’ hätte ich noch da“, sagt Lindenau. Doch das Logo der DDR- Punk-Band will die Kundin nicht haben.

Vor großen Demos ist in Lindenaus Laden immer etwas mehr Betrieb. Vor diesem 1. Mai sei es aber bislang noch ruhig. Hans-Georg Lindenau führt das auf den erst wenige Wochen zurück liegenden G8-Gipfel und andere größere Demos zurück. „Durch die Globalisierungsgeschichte hat der 1. Mai offenbar seine Einzigartigkeit verloren.“ Die Leute aus der Szene hätten sich einfach schon wegen der anderen Anlässe ausgerüstet.

Direkt um die Ecke, in der Waldemarstraße, verkauft der Laden „Red Stuff“ Antifa-Klamotten und Accessoires. Auch hier ist der Kundenandrang vor dem 1. Mai eher gering, sagen die beiden Verkäufer. Allein schon wegen des guten Wetters würden mehr Menschen kommen, um T-Shirts zu kaufen. „Vielleicht verkaufen wir ja ein paar Fahnen mehr als sonst.“

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