Vorleseaktion : Coole Rentiere

US-Botschafter Murphy liest Sechstklässlern vor und singt Weihnachtslieder mit Diplomaten.

Elisabeth Binder

US-Botschafter Philip Murphy war überrascht. So präzise Fragen, so eine ungestüme Gesprächsbeteiligung hatte er von elfjährigen Kindern gar nicht erwartet. Zusammen mit Frau Tammy war er Dienstagmorgen in der Amerika-Gedenkbibliothek zu Gast, um Sechstklässlern der Nelson-Mandela-Schule aus den Büchern seines Präsidenten vorzulesen und mit ihnen zu diskutieren. Versprechen Präsidenten nicht viel zu viel, bevor sie gewählt werden? Was macht ein Botschafter den ganzen Tag? Und macht der Job eigentlich Spaß? „Ja“, sagte der Botschafter. „Besonders Termine wie dieser machen großen Spaß, schon wegen der tollen Fragen.“ Er erzählte, wie cool es ist, im Oval Office zu sein, und was für ein großartiger Mensch sein Präsident sei. Er brauche aber Hilfe. So talentiert er auch sei, er könne nicht alles allein machen. Dann erinnerte er an Willy Brandt, der für seine Ostpolitik 1971 den Friedensnobelpreis bekommen habe, also 18 Jahre vor dem Fall der Mauer. Bis es eine atomwaffenfreie Welt gebe, könne es noch Jahrzehnte dauern. „Die Menschen sind zu ungeduldig“, sagte auch Tammy Murphy. „Solche Dinge brauchen Zeit.“ Auch Privates gaben die Murphys preis. Dass sie Fußball gern selber spielen und auch gucken, dass sie gern mit ihren vier Kindern zu Abend essen oder über Weihnachtsmärkte spazieren, dass sie möglichst viele Menschen mit amerikanischem Denken vertraut machen wollen.

Zuvor hatte das Botschafterpaar auf Deutsch aus „Ein amerikanischer Traum“ gelesen und erzählt, dass das Lieblingswort der Familie „doch“ sei, mit kräftig geknurrtem „ch“. Die Botschaft dieses Buches sei, dass man nie aufgeben solle, sagte Murphy den Kindern im Anschluss. Was für Obama gelte, treffe auch auf die Geschichte der deutschen Kanzlerin zu. Als sie noch Kinder waren, hätte niemand gedacht, wie weit sie es bringen würden. „Jeder von euch kann alles werden. Vergesst das nie, nie, nie!“ Aus dem Bücherstapel, den die Murphys der Bibliothek als Geschenk mitgebracht haben, empfahl er den Schülern besonders ein Werk seines Freundes Al Gore. „Wenn ihr nach Hause geht mit dem Gefühl, vernünftige und nette Amerikaner kennengelernt zu haben, dann habe ich einen guten Job gemacht.“ Die Kinder fanden den Botschafter „total cool“, auch Schulleiterin Ina Claussen war überrascht über das lebhafte Gespräch: „Ein echter Sympathieträger.“

Bereits am Montagabend hatte das Paar in seiner Residenz in Dahlem bei einem Empfang für den Ambassadors Club Botschafter aus aller Welt von seinem Charme überzeugt. Zusammen mit den vier Kindern, sämtlichen Gästen und dem New Yorker Künstler Todd Fletcher am Klavier sangen der US-Botschafter und seine Frau stimmgewaltig Klassiker wie „Angels We Have Heard On High“ und „Rudolph The Red-Nosed Reindeer“. Philip Murphy offenbarte Entertainerqualitäten. Und auch dieser Abend kam Kindern zugute, denn Tammy Murphy hatte sich Spielzeugpakete gewünscht, mit denen das U.S. Marine Corps zu Weihnachten bedürftige Kinder bescheren will. Lange waren deutsch-amerikanische Beziehungen ein Fall für Honoratioren. Jetzt hat offenbar die Stunde der Jüngsten geschlagen: Alles auf Zukunft.Elisabeth Binder

0 Kommentare

Neuester Kommentar