Wahlkampf : Jedes Foto zählt

Politik in Partylaune: Im Wahlkampf ist deren Besuchsquote bei Sommerfesten besonders hoch

Elisabeth Binder

Der Reigen der Sommerfeste wird immer häufiger zur Wahlkampf-Wanderkneipe. Landesvertretungen, Lobbyisten und andere honorige Gastgeber dürfen in diesem Jahr mit einer besonders großen Politikerquote auf ihren Gästelisten rechnen. Auch Bundeskanzlerin Angela Merkel macht sich freiwillig zum Foto-Futter. Wer weiß, was auf den Wahlzetteln hängen bleibt vom sommerabendlichen Blitzlichtgewitter. Egal, ob der Bundespräsident der Veranstalter ist oder demnächst das ZDF, wenn sie tatsächlich kommt, kann sich auch der Coolste dem Kanzlerbonus nicht mehr ganz entziehen. Meist erfahren die Gastgeber kurz vorher, um welche Uhrzeit ungefähr die Kanzlerlimousine eintrifft. Beim Fest der Nordrhein-Westfalen stellte sich Gastgeber Jürgen Rüttgers schon vorher in Position, um den begehrten Gast zu begrüßen. Eine VIP-Tafel war dezent abgeschirmt vorbereitet, und sobald die Kanzlerin gegenüber von Bildungsministerin Annette Schavan Platz genommen hatte, begannen Sicherheitsleute und andere Mitarbeiter jene Gäste von den Getränkeständen im Garten abzupflücken, die mit an der 22-Personen-Tafel sitzen sollten. Weit über eine Stunde ging das, bis die Kanzlerin weiterzog und sich alle wieder gemütlich unters Volk mischen konnten.

Beim Fest der Produzentenallianz einen Abend später blieb sie sogar 90 Minuten, also eine symbolische Spielfilmlänge lang und griff kräftig in die Harfe, um die krisenwunden Produzentenseelen zu massieren: „Sie gehen Risiken ein. Sie stellen was auf die Beine. Sie machen Menschen Freude.“ Mit einer kameradschaftlichen Geste tippte sie bei der Ankunft ARD-Mann Ulrich Deppendorf auf die Schulter, der übers Büfett gebeugt stand und ihr Kommen nicht bemerkt hatte, plauderte mit Sabine Christiansen und Isa von Hardenberg. Später quetschte sie sich mitten ins Gedränge, stand wieder mit Annette Schavan zusammen. Der JU-Vorsitzende Philipp Mißfelder hing an ihren Lippen, die Produzenten waren „hocherfreut“ über die Aufmerksamkeit und wie verständnisvoll sie sich ihre Sorgen anhörte und Staatsminister Bernd Neumann (CDU) bedankte sich am Ende: „Prima, dass Sie da waren.“ Finanzminister Peer Steinbrück hatte einem Gast gegenüber angedeutet, dass er eher verdonnert worden sei, den Abend bei der Produzentenparty zu verbringen, aber nicht verraten, von wem.

Egal, ob selbst auferlegt oder leise nachgeholfen, Präsenz ist Pflicht in diesen Tagen, und jedes Foto zählt. Sowieso bieten fröhliche Feste und dankbare Gastgeber einen besseren Werbehintergrund als Debatten über die Folgen der Finanzkrise und Sparopfer. Mögen Filmschaffende auch nicht die klassischen CDU-Wähler sein, klang in der Nacht beim Small Talk noch lange die Überraschung über den „erstaunlichen Humor“ der Kanzlerin nach, ihre launige Mäkelei über den Festort („Ist zwar tiefer Westen hier und im tiefen Osten könnte man was genauso Schönes finden...“), ihre pantomimische Entrüstung über eine Anspielung auf ihr Liebesleben und dass sie bei aller Anspannung, die sich breit macht, wenn sie mit Sicherheitsgefolge eintrifft, immer noch so was wie kumpelhaften Charme versprüht. Elisabeth Binder

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