Wahlpartys : Erst wählen, dann feiern

Unterhaltsamer als auf dem Sofa ist es, den Triumph oder das Debakel der Parteifürsten leibhaftig zu erleben. Leider sind die ganz großen Wahlpartys für Normalwähler oft gesperrt. Doch es gibt Ausnahmen.

Andreas Conrad
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Sieg oder Niederlage? Die Emotionen auf den Wahlpartys am Sonntagabend werden auf jeden Fall wieder hochkochen. -Foto: Thilo Rückeis

„Yes Weekend!“ Nun also steht das zukunftsentscheidende Wochenende endlich bevor, dem auch Horst Schlämmer, Spitzenkandidat des HSP, entgegengefiebert hat, stets ein trotziges „Isch kandidiere!“ auf den Lippen. Und egal wie die Wahl nun ausgeht – man darf sicher sein, dass die Wahlparty der HSP die lustigste in Berlin sein würde, hätte sich der schnauzbärtige Kanzlerkandidat nicht ganz und gar seinem geliebten Grevenbroich verschrieben. Sieg oder Niederlage in der Hauptstadt feiern, die Schlämmer sowieso in seinen Heimatort verlegen wollte? Keine Chance.

Die etablierten Parteien dagegen können und wollen sich nicht über die gewohnten Traditionen und Rituale solch eines Wahlabends hinwegsetzen. Egal ob der Wähler nun einsam in der Wahlkabine seine Kreuzchen malt oder das im Kreise der Lieben daheim am Küchentisch schon erledigt hat – er erwartet doch am Sonntag ab 18 Uhr die fiebrige Atmosphäre von erster Wahlprognose und voranschreitenden, immer präziseren Hochrechnungen, die schnellen Schnitte zwischen den Wahlpartys der verschiedenen Parteien, die über die Mattscheibe huschen, all dies von ihm wiederum zu Hause auf dem Sofa zu erleben oder am Tresen im Stammlokal.

Lauschen, wie sie sich den Sieg immer größer, die Niederlage immer kleiner reden

Das hat schon seinen Reiz, dem Millionen erliegen, aber flirrender, nervenaufreibender, mithin unterhaltsamer ist es doch, den Triumph oder das Debakel der Parteifürsten und Spitzenkandidaten leibhaftig aus der Nähe zu erleben. Zu lauschen, wie sie sich den Sieg immer größer, die Niederlage immer kleiner reden, zu fühlen, wie die Schar der Anhänger sich in Euphorie steigert oder in Depressionen versinkt.

Allerdings, gerade bei den Hauptkontrahenten sind die Möglichkeiten zum Nahblick auf ihre Reaktionen, ihre Emotionen, ihre Wendigkeit arg begrenzt. Die dem Volk zugängliche Wahlparty ist keineswegs selbstverständlich, und vor dem Hintergrund begrenzter räumlicher Möglichkeiten und schwer zu lösender Sicherheitsfragen versteht man das sogar. So sind die zentralen Wahlpartys der CDU im Konrad-Adenauer-Haus mit Kanzlerin Angela Merkel und die der SPD im Willy-Brandt-Haus mit Herausforderer Frank-Walter Steinmeier traditionell nicht öffentlich. Auch zu den Liberalen um Guido Westerwelle, die in den Römischen Höfen in der Charlottenstraße feiern, kommen Hinz und Kunz nicht rein, Liberalen-Fans müssen sich mit dem Lokal Habel Weinkultur in der Luisenstraße begnügen, wo der Landesverband das Wahlergebnis begießt.

Woanders geht es gastfreundlicher zu

Die Linke und die Grünen geben sich dagegen gastfreundlich, öffnen ihre Wahlpartys für jeden. Gysi, Lafontaine & Co. haben sich für die Kulturbrauerei entschieden, einen Ort mit großer Ost-Tradition, der längst für das neue, das ungeteilte Berlin steht. Auf dem Hof wird eigens ein Festzelt aufgestellt, und auch Musik ist gebucht, die Berliner Rockband Polkaholix, deren musikalische Wurzeln schon am Namen abzulesen sind. Die Grünen wiederum bitten in den ehemaligen Postbahnhof am Ostbahnhof, ein ebenso szeniges Etablissement.

Auch die Piratenpartei setzt auf einen Ort mit Schienentradition, das ehemalige Reichsbahn-Ausbesserungswerk in Friedrichshain, heute kurz RAW Tempel genannt. Was genau dort ablaufen wird, ist noch nicht bis ins Letzte geklärt, man sei eben sehr spontan, heißt es entschuldigend. Parteispitze und Spitzenkandidaten sind jedenfalls anwesend, und ab 22 Uhr gibt es Musik.

Information und Unterhaltung zum Topthema des Tages wird auch bei einigen Veranstaltungen jenseits der Parteien geboten, so im Prater am frühen Abend. Während überall in der Stadt dem Wahlergebnis entgegengefiebert wird, inszeniert Jürgen Kuttner dort mit Gästen seine Wahlparty unter dem Motto „Wahlfieber? Kann man so nicht sagen!“ Keine Frage, ein echtes Kontrastprogramm.

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