Stadtleben : Wahlstress bei Kaiserwetter

Lange Schlangen in den Stimmlokalen rings um das Flugfeld. Wähler mussten viel Geduld mitbringen

Thomas Loy

Eine halbe Stunde Schlange stehen, bevor man sein Kreuz für Tempelhof machen kann? Das ältere Ehepaar im Sonntagsstaat ist empört. „Eine große Schweinerei“, schimpft die Frau so laut, dass alle in der Schlange es hören können. Eine Museumsmitarbeiterin sagt dem Einweiser vom Wahlamt, dass sie nicht länger warten könne, weil sie gleich weg müsse, zur Arbeit. Sie erhält eine Sondergenehmigung, sich vorzudrängeln.

An der Louise-Henriette-Schule südlich vom Flughafen, Wahllokal 07946, sind am Morgen des Volksentscheids Bilder zu sehen, wie man sie sonst nur aus Afrika kennt. Der Wähler wartet – in der Mehrheit duldsam und gutgelaunt – auf sein Stimmrecht. Ganze Familien sind zum Wahlgang gekommen, damit sie danach guten Gewissens ins Grüne fahren können. Kinder jammern, wann es endlich das versprochene Belohnungs-Eis gibt. Zahnarzthelferin Monika Meißner zieht ihren Einkaufswagen hinter sich her. „Ich fahre danach in meinen Garten.“ Wie sie abstimmt, muss sie gar nicht sagen: „Ich bin Nachkriegsgeneration.“

Fast alle sind hier für den Flughafen. Eine Frau mit großer Sonnenbrille wagt einen kritischen Satz und wird sofort von Befürwortern umringt und gefragt, ob sie denn einen zweiten „Drogenpark“ wie die Hasenheide haben möchte.

Und es strömen immer neue Wähler herbei. Erste Anlaufstelle ist der Einweiser mit den kurzen Haarstoppeln, den sie hier nur „der kleene Dicke“ nennen. Stimmbezirk 946? „Dit tut mir leid“, sagt der kleene Dicke. 946 bedeutet Schlangestehen, die 948er dürfen an den Wartenden vorbei in den relativ leeren zweiten Abstimmungsraum gehen. Bei der Zuordnung der Stimmbezirke sind offenbar Fehler unterlaufen. Einige Bezirke seien mehr als doppelt so groß wie bei Bundestagswahlen. „So eine Schlange hab' ick noch nicht erlebt“, sagt der kleene Dicke. Dabei helfe er schon seit 16 Jahren bei Wahlen mit.

Im Raum 946 verweigert die Wahlvorsteherin jeden Kommentar. Der Mann an der Urne hakt jeden Einwurf ab, wie viele Wahlzettel schon drin sind, könne er aber nicht sagen. Die Kollegen im Raum 948, sonst im Jugendamt Tempelhof-Schöneberg zu finden, sind dagegen ganz entspannt. Von 1800 Wahlberechtigten hätten gegen 12 Uhr rund 350 abgestimmt.

Jan Januszewski, ein Mann um die 30 aus dem Postgewerbe, ist selbst Wahlhelfer in einem anderen Wahllokal und nur kurz vorbeigekommen, um selber zu wählen. Jetzt telefoniert er mit dem Handy, dass es bei ihm später wird. Soviel Wahlstress bei traumhaften Wetterlage – der Flughafen ist es ihm wert. „Tempelhof haben alle hier liebgewonnen.“

An der Dudenstraße westlich vom Flughafen kommen Papa und Sohn Yilmaz aus dem Wahllokal. Gestimmt haben sie beide für den Flughafen, „wegen der denkmalgeschützten Gebäude“, sagt Sohn Battal, Finanzwirt. Und weil man es nicht anders kennt. Seit 1981 leben sie hier. Nach Wahrnehmung ihrer demokratischen Rechte gehen sie ins Katzbachstadion, zum Oberliga-Aufstiegsspiel Türkiyem Spor gegen Optik Rathenow.

Im Stimmbezirk 937 haben gegen 13 Uhr 550 von 1800 Wahlberechtigten gewählt, etwas weniger als ein Drittel – für diese Zeit eine gute Zahl, meint Wahlhelfer Dieter Konrad. „Es ist emotionaler als sonst.“ Ein Franzose geriet fast in Rage, weil er abstimmen wollte, aber nicht durfte. „Warum hängt dann die Europafahne hier?“, ärgerte er sich. Konrad konnte ihm das auch nicht wirklich erklären. Rentner Horst Mebert, 77, hat sich auf eine Bank gesetzt, um sich vom Urnengang auszuruhen. Er ist sichtlich zufrieden, seine Stimme abgegeben zu haben, für Tempelhof und „gegen Wowereit, der ist gegen uns alle hier“.

Östlich des Flughafens, in der Weisestraße, ist es sehr ruhig. Von 2965 Wahlberechtigten haben um 14 Uhr rund 20 Prozent abgestimmt. Es kommen viele ältere Wähler, auch ein paar Studenten. Herr Jäger, ein Mann mit Bart und Baskenmütze, hat sein Kreuz gemacht und verkündet nun laut und deutlich vor dem Wahlvorstand: „Meine Frau kommt noch. Wir stimmen zu.“ Fünf Minuten später schraubt sich direkt über dem Wahllokal ein Sportflieger in den Himmel.

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