Wannseebrücke : Die Fee vom Schwanensee

Wenn die Rentnerin um die Ecke biegt, kommen die Tiere angeschwommen Seit 1994 verteilt Rosemarie Stephan in strengen Wintern Brot und Haferflocken an der Havel.

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Mahlzeit.
Mahlzeit.

Die beiden Jungschwäne an der Wannseebrücke bewegten sich nicht mehr. Ihre Beine schienen im Eis festgefroren und niemand hatte es bemerkt, bis schließlich Rosemarie Stephan vorbeikam. Das war im Winter 1994. Drei Tage lang fütterte sie die Schwäne an Ort und Stelle, bis sie sich eines Tages auf und davon machten.

„Ich hätte die Feuerwehr holen können“, sagt sie, „aber ich hatte Angst, dass die Tiere bei der Rettungsaktion verletzt würden“. Damals verstand die heute 75-Jährige noch nicht viel von Höckerschwänen, doch von da an zog es sie täglich zu den Tieren hin. Sie las Fachbücher, weil sie bei der Fütterung und Pflege nichts falsch machen wollte. „Ich will doch kein doofes, weißhaariges Mütterlein sein, das unbedarft Schwäne füttert“, sagt sie.

Rund 120 Höckerschwäne versorgt sie derzeit in strengen Wintern mit Futter an der Wannseebrücke und an der Lieper Bucht. In diesem Winter habe sie schon Ende November mit dem Füttern begonnen. Sobald sie mit ihrem Rollwagen auftaucht, voll beladen mit Brot und Haferflocken, wird sie von den Schwänen umringt. Enten schieben sich auch dazwischen, Möwen fliegen in Scharen herbei. Rosemarie Stefan versucht, die ungebetenen Gäste so gut es geht zu verscheuchen. „Bis ein Schwan ein Stück Brot oder Haferflocken gepickt hat, hat eine Ente zehnmal zugeschlagen“, hat sie beobachtet. Deshalb dürfen die Schwäne zuerst ran, danach alle anderen.

Die Hälfte der Rente gibt sie aus für Brot und Haferflocken

Rosmarie Stephan ist eine beherzte und beharrliche Frau. Sie ärgert sich darüber, dass sich die Stadt ihrer Meinung nach nicht um die Höckerschwäne kümmert. „Hier haben die Schwäne keine Lobby“, erzählt sie, „ich habe mich deshalb erkundigt, wie das woanders läuft“. In Hamburg etwa werden die Schwäne an der Alster im November eingefangen und zu einem Bauern gebracht, der sie gegen Bezahlung pflegt und füttert. Aufgebracht ist sie auch über manche Angler an der Havel, die ihr Gerät nicht beaufsichtigten. Immer wieder falle ihr auf, dass sich Schwäne in Angelschnüren verfingen und sich dabei erdrosselten. Andere verschlucken Haken und ziehen sich schwere innere Verletzungen zu. Manche Tiere hätten gar Bleikugeln im Bauch. „Da sehen Sie so einiges“, sagt sie, „da ist nichts mit Bilderbuch und kleiner Eisbär“.

Durchschnittlich sechzehn verletzte Tiere hat sie bisher jeden Winter ausfindig gemacht. Diese lässt sie in die Tierklinik Düppel bringen, die die Behandlung übernimmt, obwohl sie von der Stadt weder einen Auftrag noch ein Budget habe. Die Hälfte von Rosemarie Stephans Rente geht fürs Schwänefüttern drauf und einmal ist sie sogar schon umgezogen, um Mietkosten zu sparen. Auf die Dauer wird es für sie aber immer schwieriger, die Höckerschwäne zu versorgen. „Innerlich bin ich zwar ganz jung“, sagt sie und lächelt, „äußerlich aber schon lange nicht mehr“. Außerdem fahre sie nicht mehr Auto. Rosemarie Stephan sucht deshalb dringend Mitstreiter. „Es wäre doch schade“, sagt sie, „wenn wir diese majestätischen Tiere eines Tages nur noch im Zoo besichtigen könnten“.

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