Waris Dirie : Unterwegs mit Botschaft

Sie ist Autorin, Model, Menschenrechtlerin: Waris Dirie stellte in Berlin "Wüstenblume" vor – die Verfilmung ihres Bestsellers.

Eva Kalwa
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Waris Dirie -Foto: dpa

„Der Tag, der mein Leben veränderte“ – meist stellt man sich unter diesem Tag etwas Schönes, Aufregendes vor. Und so ging es vielen Menschen, die von der Geschichte der Waris Dirie hörten oder lasen – vom Nomadenmädchen zum gefeierten Topmodel hieß dieses wahre Cinderella-Märchen. Gestern hat Dirie in Berlin den Film „Wüstenblume“ vorgestellt, der die Lebensgeschichte der gebürtigen Somalierin erzählt. Anstelle eines roten Teppichs war dafür vor dem Cinestar am Potsdamer Platz ein echter Catwalk aufgebaut, auf dem neben Dirie und ihren beiden Darstellerinnen, dem äthiopischen Model Liya Kebede und der jungen Schauspielerin Soraya Omar, auch die deutsche Regisseurin Sherry Hormann schritt. Als Gäste der abendlichen Premiere sah man beispielsweise Andrea Sawatzki, Bettina Zimmermann, Florian Gallenberger und die Teenie-Band Cinema Bizarre.

Doch der Film erzählt nicht nur vom Weg des Mädchens aus Somalias Wüste auf die Laufstege der Welt. Er zeigt auch, dass ein Tag ein Leben verändern und für immer Narben auf Körper und Seele hinterlassen kann: Dirie war auf dem Höhepunkt ihrer Modelkarriere 1997 die erste Frau, die in der Öffentlichkeit von den Traumata erzählte, die sie durch die Verstümmelung ihrer Genitalien im Alter von fünf Jahren erfahren hatte. Inzwischen ist Waris Dirie UN-Sonderbotschafterin gegen Beschneidung, ihre Autobiografie „Wüstenblume” stand 120 Wochen auf der deutschen Bestsellerliste.

„Nach diesem Film bin ich nun endlich frei und kann mein Leben leben“, sagt Dirie, als sie am Nachmittag in Jeans und T-Shirt im Hotel de Rome sitzt und leicht gestresst wirkt vom Interview-Marathon. Und vielleicht auch, weil oben im Hotelzimmer ihr vier Monate alter Sohn wartet. Sie redet schnell und präzise: „Man will den Frauen durch die Beschneidung alles wegnehmen, ihre ganze Würde und Kraft. Erst wenn die Frauen in Afrika ihre Stärke leben dürfen, kann sich der Kontinent verändern“, sagt die 1965 geborene Menschenrechtlerin, die in Österreich lebt und dort 2002 die „Waris Dirie Foundation“ gegen weibliche Genitalverstümmelung gegründet hat. Über den Film sei sie so froh, weil er eine wichtige Botschaft verkünde: die Achtung menschlicher Würde. Zu ihrem Programm gehört an diesem Mittwoch auch ein Treffen mit Entwicklungsministerin Heidemarie Wieczorek-Zeul, die ihr Unterstützung beim Vorhaben verspricht, den Film auch in möglichst vielen afrikanischen Staaten zu zeigen. Auf die Frage, ob sie selbst als Politikerin arbeiten möchte, antwortet Dirie in ihrer direkten Art: „Wollen Sie mich umbringen?“ Das viele Leid in der Welt heilen zu müssen, könnte sie nie ertragen.

Besonders haben Dirie im Film die Landschaftsaufnahmen von Afrika gefallen. Sie bilden die Kulisse für den beschwerlichen Weg der jungen Waris, die mit 13 Jahren vor einer Zwangsverheiratung in die somalische Hauptstadt Mogadischu flieht. Dort hilft ihr die Familie ihrer Mutter, eine Stellung als Hausmädchen beim somalischen Botschafter in London zu bekommen – jahrelang darf sie dort das Haus nicht verlassen, lernt so gut wie kein Wort Englisch. Als die Rückkehr nach Somalia droht, flieht sie erneut, und erst als sie die quirlige Lebenskünstlerin Marilyn, gespielt von Sally Hawkins („Happy-Go-Lucky“), kennenlernt, beginnen sich die Dinge zu verändern.

„Die Dreharbeiten mit Sally haben großen Spaß gemacht, sie ist ein sehr lustiger Mensch“, erzählt Liya Kebede, die Dirie spielt. In „Wüstenblume“ trägt das Model mit den langen blauschwarzen Haaren eine kurze Perücke. „Das hat mir sehr geholfen, damit wurde ich quasi zu Waris“, sagt die 31-Jährige. Die fünfjährige Waris sieht der Zuschauer erst gegen Filmende in einer Rückblende. An dem Tag, der Waris’ Leben verändert: Sie liegt in den Armen ihrer Mutter und weint und schreit – über ihr ein Geier und die spitzen Dornen eines Baumes, vor ihr eine alte Frau mit einer Rasierklinge. Und unter dem Mädchen sein eigenes Blut, das über die nackten Felsen rinnt.

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