Stadtleben : Was für Schlägertypen

Die elitären Zeiten sind vorbei, Golf wird auch in Berlin zum Breitensport. Ein Ratgeber für alle, die es einmal probieren wollen

Katja Füchsel

100 Jahre Golfen in Deutschland – derzeit wird das Jubiläum überall gefeiert. Dass sich das Spiel zwischen den 18 Löchern langsam vom Elite- zum Breitensport entwickelt, hat in Berlin und Brandenburg erst der Mauerfall möglich gemacht. Inzwischen zählt der hiesige Golfverband 18 Klubs, und kaum eine Sportart kann so viele Mitgliederzuwächse vorweisen. Höchste Zeit also, mit den schlimmsten Vorurteilen aufzuräumen.

Golfen ist was für Superreiche. Erst mussten die Tennisspieler mit diesem Ruf leben, später die Skifahrer – und jetzt eben die Golfer. Tatsächlich sind die Zeiten, in denen die Vereine horrende Aufnahmegebühren und Beiträge verlangten, längst vorbei. Wer mit dem Golfsport etwas für sein Prestige tun will, sollte dem GLC Wannsee, der eine der schönsten und ältesten Anlagen aufzubieten hat, beitreten. Seine Mitgliederliste liest sich wie das Berliner „Who’s who“. In den meisten anderen Vereinen ist das Publikum längst bunt gemischt, dort sind vom Manager bis zum Dachdeckermeister fast alle Branchen vertreten.

Golfen ist kein Sport.

Sagt nur, wer es noch nie probiert hat. Auch, wenn es wie Spazierengehen aussieht: Golf ist ein Kalorienfresser. Wer’s nicht glaubt, kann es bei www.fitrechner.de überprüfen: Bei 30 Minuten Joggen verliert eine durchschnittliche Frau 211 Kilokalorien, bei einer Runde Golf werden in fünf Stunden knapp 1400 Kilokalorien verbrannt. Golf erweckt Muskeln zum Leben, von deren Existenz man nichts geahnt hat. Bärenhunger, müde Beine und Muskelkater – wie der berüchtigte „Golf-Stich“ aus der Nierengegend – sind vor allem Anfängern garantiert.

Golfer tragen karierte Hosen.

Ja, es gibt sie noch, so wie auch manche Autofahrer bis heute an ihrem Hut auf der Ablage festhalten. Die meisten Spieler gehen heute allerdings mit ganz normalen Hosen auf die Bahn, Poloshirt dazu, Cappy auf, fertig. Die aktuellen Golfschuhe sehen wie eine Mischung aus Halb- und Turnschuhen aus, Troddeln sind out, die mehrfarbigen Ledermuster mögen gewöhnungsbedürftig aussehen, sind aber topmodern. Als verboten gelten zwischen Loch 1 und 18 allerdings Jogginganzüge und Bluejeans, auch in kragenlosen T-Shirts, Schlabbershorts und Hotpants könnte man mit dem Marshall (so was wie der Platzmeister, der mit seinem Elektrowagen auf dem Gelände nach dem Rechten sieht) Probleme bekommen.

Golfen ist nur was für Alte. Jeder, den die Golflust packt, bereut später nur eines: nicht früher angefangen zu haben. Hilft aber nichts. Da kann man stundenlang auf der Driving Range den 13-jährigen Wichteln zuschauen, die mit ihren Drivern die Bälle am Fließband 250 Meter weit schlagen. Nur mit Schwung, ganz ohne Kraft – das bleibt den meisten Späteinsteigern bis zum Lebensende verwehrt. Tatsächlich ist Golfen so etwas wie der zweite Bildungsweg für erwachsene Ballsportler, wo sich Tennisspieler mit kaputten Gelenken versammeln und Fußballspieler mit gerissenen Bändern. Dass auf der Clubterrasse, auch Loch 19 genannt, die Mehrheit graue Haare hat, liegt eher daran, dass dieses Spiel so viel Zeit kostet. Regelmäßige Runden, Training, die Fahrt ins Umland – das ist für viele nur schwer hinzubekommen. Für sie alle gilt: Wenig Zeit, hohes Handicap – und der Trost: Golfen kann man auch noch mit 85. Zur Not mit einem Elektrowägelchen.

Golfer haben keinen Humor.

Vermutlich kursieren in keiner anderen Sportart so viele Witze wie unter Golfern. Einer der bekanntesten geht so: „Zwei Spieler stehen an Loch 2, als gerade auf der Straße ein Trauerzug vorbeikommt. Einer der beiden nimmt seine Kopfbedeckung ab und verharrt mit geneigtem Haupt. Da sagt der andere Spieler: „Ich wusste gar nicht, dass du so sentimental bist.“ Die Antwort: „Nach 30 Jahren Ehe war ich das meiner Frau wohl schuldig.“ Golf-Anfänger müssen vor allem lernen, mit dem Lieblingswitz aller Nicht-Golfer zu leben. „Hast du noch Sex? Oder spielst du schon Golf?“ Ein Kracher.

Golfen ist wie Meditation.
Sehr witzig. Dazu liegen beim Golf Glück und Verzweiflung zu nah beieinander. Zwar beschert kaum etwas mehr Glückshormone als ein wirklich guter Tag (jeder Schlag ein Schub), doch das sieht bei der nächsten Runde wieder ganz anders aus. Der kürzeste Golfwitz heißt deshalb: „Jetzt kann ich’s!“ Den Ärger auf sich selbst gibt es zu jedem Schläger gewissermaßen dazu, und die Schuld kann man keinem Gegner und keinem Mitspieler zuschieben. Manche Verzweifelte sieht man die Runde mittendrin abbrechen, andere werfen ihren Schläger in den Wald. „Golf erzieht zur Demut“ gilt als eine der ältesten Golfweisheiten. Richtig allerdings ist: Wenn man sich einen Tag lang nur auf den kleinen weißen Ball, den Wind, den Rasen und den Himmel konzentriert hat, fühlt sich danach alles andere ferner und leichter an. So was soll’s nach der Meditation ja auch geben.

Golfer bleiben lieber unter sich.

Noch sind sie eine belächelte Minderheit, und das heißt: Jeder neue Golf-Virus-Befallene ist willkommen. Anfänger könnten allerdings Schwierigkeiten haben, den Unterhaltungen zu folgen. Deshalb hier die ersten Übersetzungshilfen. Flight: Gruppe von zwei bis maximal vier Spielern, die gemeinsam über den Platz ziehen. Abschlag: Etwas erhöhte Fläche für den ersten Schlag. Tee: Holzstift, auf dem der Ball beim Abschlag abgelegt wird. Eisen, Hölzer, Putter: die verschiedenen Schläger. Bunker: Sandkuhle als Hindernis. Green: Spielfläche rund ums Loch. Es ist der Ort, wo man das eine Geräusch lieben lernt: Pollopollopopp. Der Ball ist drin.

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