Weggeh-Tipps : Für zwei Augen zu schön

Berlin hat viele romantische Orte. Weggeh-Tipps für Verliebte und solche, die es werden wollen.

Sebastian Leber
Bodemuseum
Wer spätabends am beleuchteten Bodemuseum vorbeischlendert, kommt am Händchenhalten kaum vorbei. -Foto: David Heerde

BerlinDas menschliche Gehirn ist leicht zu überlisten. Ein bisschen Wasser, ein bisschen Nacht, ein paar Lampions oder Kerzen und wenn’s geht ein altes Gebäude in der Nähe, das im Dunkeln irgendwie verwunschen aussieht. Da kann man gar nicht anders, als sich zu verlieben.

Berlin hat von diesen Romantikzutaten reichlich. Berlin hat Orte, die Ehen retten können. Und gute Freunde zu Paaren machen, manchmal auch Wildfremde. Es gibt bezaubernde Parks, Plätze, Brücken und Uferstreifen – und verschiedene Wege, diese kennenzulernen. Ein todsicherer ist, den Tangotänzern zu folgen. „Milonga“ heißen die Abende, an denen sich Berlins Tangoszene an wechselnden, aber immer schwer romantischen Orten in der Stadt trifft. Jeder kann dazustoßen und mittanzen oder zugucken. Mal verabreden sie sich auf der Museumsinsel, mal im Stadtbad Steglitz oder in der Kreuzberger Passionskirche; übernächste Woche wird direkt an der Oberbaumbrücke getanzt.

Romantisch ist es in Berlin auch an den Plätzen, die tagsüber den Menschenmassen gehören, an denen man spätabends aber ganz für sich ist. Das Nikolaiviertel in Mitte zum Beispiel. Das Spreeufer, die Museumsinsel, der Kreuzberger Viktoriapark. Selbst der Innenhof des Sony-Centers am Potsdamer Platz – tagsüber der wahrscheinlich unromantischste Platz der Welt – kann nachts um zwei, ganz verlassen und ruhig, zu einem entrückten Ort werden. Und nachdem man dort eine Weile am künstlichen See gesessen hat, schlendert man noch kurz rüber zu dem Grünstreifen hinter den Potsdamer-Platz-Arkaden. Da stehen große Wippen.

Überhaupt Spielgeräte: Ganz hervorragend eignen sich Schaukeln zum Verlieben. Auf der Anhöhe im Mauerpark in Prenzlauer Berg kann man dem Sonnenuntergang entgegenschwingen und anschließend durch den Park spazieren. Oder ziellos durch irgendwelche Straßen bummeln – und an jeder Kreuzung wird neu entschieden, wo es lang geht. Im Dunkeln bekommt selbst der Wedding etwas Märchenhaftes. Besonders hilfreich ist die Dunkelheit in Verbindung mit warmem Sommerregen. Nicht wegen des Wet-T-Shirt-Effekts, sondern weil das so ist, als trotze man hereinbrechenden Naturgewalten. „Mit Dir will ich mal durch den Regen laufen“ ist bisher leider ein nur wenig genutzter Kennenlernspruch. Bei Unwetter nachts auf der Straße lässt sich auch kaum unterscheiden, ob es Regentropfen sind oder Tränen der Ergriffenheit, die dem Gegenüber die Wange herablaufen. Wer dann noch des anderen Hand ergreift und leise „Klopstock!“ sagt, hat schon so gut wie gewonnen.

Auch drinnen kann es romantisch zugehen. Etwa beim Dinieren im Dunkeln, im Restaurant Nocti Vagus in Prenzlauer Berg. Bloß das Schmatzen sollte man vermeiden, Geräusche werden im Dunkeln bekanntlich viel intensiver wahrgenommen. Und vorsichtshalber sollte man kurz vor Ende noch schnell zur Toilette müssen. Und im Spiegel nachsehen, ob Essensreste im Gesicht hängen. Auch das Autokino am Kurt-Schumacher-Damm ist ein Treffpunkt für Verliebte, dort ist man in seinem Wagen ganz für sich, der Ton wird über das Autoradio übertragen. Aber: vorher unbedingt nachfragen, ob sich das Gezeigte auch zum Kuscheln eignet. In den nächsten Tagen läuft beispielsweise „Simpsons – der Film“.

Romantik entsteht immer dann, wenn man aus dem Alltäglichen einen Schritt heraustreten kann, sagt die Berliner Malerin und Autorin Julia Brodauf. Die 32-Jährige hat monatelang gezielt nach romantischen Orten in der Stadt gesucht und ihre Ergebnisse in einem Buch zusammengetragen. „Lauschige Orte“ heißt es. Einer von Brodaufs Favoriten ist die kleine Heilandskirche am Port von Sacrow. König Friedrich Wilhelm IV., ein notorischer Romantiker, ließ die Kirche samt Säulengang, Glockenturm und blauer Kassettendecke 1844 auf einer Landzunge erbauen. Ihr romantischstes Erlebnis beim Orte-Erkunden hatte Julia Brodauf aber auf dem Grunewaldturm an der Havelchaussee. Nicht nur, weil man von der Aussichtsplattform des gründerzeitlichen Baus über die Wipfel des Grunewalds hinweg einen beeindruckenden Panoramablick hat, sondern vor allem, weil während Brodaufs Besuch gerade Windstärke Acht herrschte. Allein die Tatsache, dass ihr Freund dort oben den Sturm mit ihr durchgestanden habe, sei ein großer Liebesbeweis gewesen, sagt die Autorin.

Nur eines fällt Romantikern in Berlin schwer: Sterne gucken und nach Sternschnuppen suchen. Für die Prenzlauer- Berg-Komödie „Sommer vorm Balkon“ etwa musste der Sternenhimmel für die romantischen Szenen extra am Computer nachgebaut werden. In der Realität sucht man lange, bis man einen Ort mit freier Sicht auf den Nachthimmel gefunden hat. Am Tegeler See in Reinickendorf gibt es mehrere Badestellen, wo das gelingt. Oder man geht in eines der beiden Berliner Planetarien. „Bei uns ist das Universum zum Greifen nah“, verspricht beispielsweise das Haus am Insulaner. Wenn das nicht hoch romantisch ist.


BESONDERE AUSBLICKE

Die Heilandskirche am Port von Sacrow erreicht man über die Fährstraße. Die Öffnungszeiten und weitere Informationen gibt’s unter www.heilandskirche-sacrow.de

oder telefonisch unter 0331- 270 49 25 (erst ab 19.30 Uhr).

Das Casino Glienicke (Königsstraße 36) bietet einen wunderbaren Blick auf die Havel. Hier kann man händchenhaltend den Sonnenuntergang erleben. Anschließend sollte man den Park aber zügig verlassen, das wollen die Öffnungszeiten so.


INSELROMANTIK

Auf der kleinen Insel Lindwerder in der Havel gibt es ein Restaurant, Besucher können aber auch einfach im Liegestuhl entspannen. Täglich ab 12 Uhr setzt eine kleine Fähre über. Infos unter Telefon 803 65 84, Bilder gibt es unter www.lindwerder.de. Zum Verlieben ist auch die Pfaueninsel in der Havel. Mit Schloss, Rosengarten, Vogelvolière, gepflegten Wiesen und Platz zum Spazierengehen. Informationen im Internet: www.pfaueninsel.info.


DRAUSSEN TANZEN

Einen Überblick über alle Freiluft- Tangoabende findet man im Internet unter www.tangoberlin.de.


FRIEDHOFSKULTUR

In der Kapelle des Friedhofs an der Boxhagener Straße 99 in Friedrichshain finden regelmäßig Theatervorführungen sowie Konzerte statt. Telefon 40 98 43 00, www.theaterkapelle.de.

DUNKEL-DINNER

Im Restaurant Nocti Vagus speist man komplett im Dunkeln. In der Saarbrücker Str. 36 in Prenzlauer Berg, geöffnet ist täglich ab 18 Uhr, telefonische Reservierung unter 74 74 91 23.

Ein ähnliches Konzept hat die Unsicht-Bar, Gormannstraße 14 in Mitte. Sie ist telefonisch unter der Nummer 24 34 25 00 zu erreichen, mehr Informationen gibt’s im Internet unter der Adresse www.unsicht-bar-berlin.de.


KUSCHELN IM KINO

Eine Auflistung kleiner Berliner Programmkinos findet man unter www.programmkino.de.


ZWEISAM IM AUTO

Das Autokino am Kurt-Schumacher-Damm 207 in Wedding zeigt jeden Abend einen Film. Infos unter www.autokino24.de.


NACHTS UNTER TIEREN

Während der Sommerferien hat der Berliner Zoo seinen Einlass bis 21 Uhr verlängert. Und bis 23 Uhr kann man auf dem Gelände bleiben und sich die Tiere anschauen, die nicht in ihre Häuser eingeschlossen werden: Antilopen, Wildziegen, Pinguine, Robben, Vögel und andere.


PLANETARIUM

Das Planetarium am Insulaner, Munsterdamm 90 in Schöneberg, ist unter der Nummer 790 09 30 oder im Internet unter www.planetarium-berlin.de erreichbar. Das

Zeiss-Großplanetarium, Prenzlauer Allee 80, ist wegen Wartungsarbeiten erst ab 3. August wieder offen (Tel. 42 18 45 12).


IM INTERNET

Dutzende romantische Orte in Charlottenburg und Wilmersdorf hat die Seite www.romanticplaces-berlin.de aufgelistet. Unter anderem findet man dort Adressen von Parks, alten Industriebauten und Kapellen.

Auch auf der Internetseite www.berlin-hidden-places.de gibt es eine Reihe von Empfehlungen, zum Beispiel die Tadschikische Teestube in Mitte, die Galerie im Körnerpark oder die Dorfaue Marienfelde.


ZUM WEITERLESEN

In Julia Brodaufs Buch „Lauschige Orte: Wo Berlin romantisch ist“ beschreibt die Autorin 50 Orte vom Urbanhafen bis zum Kaffeehaus Rosenstein im Bürgerpark. Erschienen im Via Reise Verlag, 140 Seiten, 10,90 Euro.

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