Weihnachtsmärkte : Christmas-Krabbeln durch Berlin

Der Wahl-Berliner Stephen Bench-Capon kommt aus England und untersucht gerne die Traditionen der Deutschen. Diesmal findet er heraus, was an Weihnachtsmärkten so besonders ist und lernt auf seiner Tour all die Feinheiten des Glühweins kennen.

Stephen Bench-Capon

In England gibt es eine Tradition, die Pub Crawl (Kneipenkrabbeln) heißt. Hier wird von Kneipe zu Kneipe gegangen, damit man viele verschiedene Eindrücke bekommt, auch wenn diese im Laufe des Abends immer nebliger werden. Am Dienstag kombinierte ich englische und deutsche Traditionen, indem ich ein Weihnachtsmarkt-Krabbeln durch Berlin machte. Ende November fühle ich micht zwar noch nicht allzu weihnachtlich, bin aber bereit, das zu ändern.

Wer eine lange Krabbelei vor sich hat, weiß, das er das Budget nicht gleich am Anfang sprengen sollte. Am Potsdamer Platz schaffte ich, eine halbe Marone gratis zu bekommen und in einem kleinen Laden am Rande des Marktes namens „McCafe“ kaufte ich einen Cheeseburger (1,00€). Am kostenlosen Schlittschuhlaufen hätte ich gerne teilgenommen, aber die Zeit drückte und ich musste weiter zur Gedächtniskirche.

Da fiel auf, dass es kein Kartell unter den Glühweinverkäufern gab. Hier kostete ein Becher 2,50€, da 2,00€ und bei einem Polen bekam ich einen für 1,50€. Angesichts dieser Tatsache darf der moderne Weihnachtsmarktbesucher sich nicht erlauben, sich gedankenlos auf den ersten Stand zu stürzen. Er muss das ganze Sortiment durchscannen, um Fehlentscheidungen zu vermeiden, denn Preise sind verschieden und Würstchen sind nicht alle gleich lang.

Dies war mir klar, als ich den Weihnachtsmarktsektor verließ und eine Bude mit Ein-Euro-Bratwurst sah. Ich hatte gerade zwei bezahlt und allgemein war ich vom Weihnachtsfeeling nicht überzeugt. Die melancholische Version von „Rudolf the Rednosed Reindeer“ passte nicht zu den  hektischen Menschen und die Weihnachtsmannskulptur  auf der Tauentzienstraße kam mir mehr wie ein schrecklicher Einsperrkäfig vor als etwas Fröhliches. Ich ging also gerne fort und nahm den M45er nach Charlottenburg.

Am Markt vor dem Schloss war ich nicht enttäuscht. Während ich mich um eine Feuerzangenbowle (3,50€) kümmerte, hörte ich eine treffende Weisheit vom Nachbartisch: „Ich mag diese stillen Weihnachtsmärkte.“ Im November soll noch nicht richtig gefeiert werden und die unaufdringliche Posaunen- und Akkordeonmusik schuf eine Atmosphäre von ruhiger Erwartung. Weihnachten ist noch nicht da; es kommt erst, und das war deutlich zu spüren. Auch die Schlittenhunde wirkten nicht besonders festlich und guckten unkonzentriert um sich herum. Weihnachten in Alaska sieht wohl anders aus, dachte ich, und krabbelte weiter.

In der U-Bahn gab es immer noch keine wirkliche Weihnachtstimmung. Schüler redeten mehr über Hausaufgaben als Zuckerwatte und Sternburg Export war noch populärer als Glühwein. Als ich am Alexanderplatz ankam, war es aber sofort anders. Das Riesenrad und die Musik machten schon Lust beim Anlauf, die nur ein wenig verloren ging, als ich mich ausgezäunt fand und einen Umweg zum Eingang brauchte. Meine Skepsis musste dann leider draußen bleiben und ich konnte nichts einwenden, als der Weihnachtsmann mit Lautsprecher erzählte, wie wunderschön alles sei. Er hatte einfach Recht.

Auch die Internationalität des Marktes gefiel mir. Die meisten Gäste waren Deutsche, aber das Angebot kam aus aller Welt. Neben dem deutschen Schmied gab es ungarischen Lángos (4,50€), peruanisches Kunsthandwerk, weißrussische Ikonen, Marmelade aus Martinique und einen Stand mit dem Slogan „enjoy the sensation of Alpaka wear.“ Auch die Preise stimmten. Obwohl ich auf den Weihnachtsdöner verzichtete, der ohne Fleisch kam und sich „Schafskäse im Fladenbrot“ nannte, konnte ich mir ein Pils (2,50€) und einen Glühwein mit Rum (3,50€) erlauben, bevor ich weiterging.

Der vorletzte Halt auf meiner Tour war der Lucia-Weihnachtsmarkt in der Kulturbrauerei, der sich mit seinen skandinavischen Flaggen und mongolischen Jurten etwas alternativ präsentierte. Zu trinken gab es außer dem Glühwein mit Wodka (2,50€) auch Apfelglühwein (3,00€) und heißes Glühbier mit Kirschgeschmack (2,50€).  Ich traute mich aber nicht, etwas von der Absyntherie zu probieren, denn ich war schon dermaßen aufgeglüht, dass ich mich zum Kauf eines vietnamesischen Küchenmessers (5,00€) überreden ließ und ich dachte, es geht jetzt besser nach Hause. Ich hatte also nicht bis zum Gendarmenmarkt geschafft, aber ich war zufrieden und meine Zweifel waren weg. Wenn das Oktoberfest im September stattfinden darf, habe ich nichts gegen Weihnachtsmärkte in der Voradventszeit.

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