Weihnachtsmärkte : PRO & Contra

Die Tagesspiegel-Autoren Ulrich Zawatka-Gerlach und André Görke über den verlängerten Weihnachtsrummel Berlins

Ulrich Zawatka-Gerlach

PRO


Es ist keine Frage des Glaubens oder des Kirchenkalenders, ob sich Jahresrhythmen und damit verbundene Bräuche und Werte beliebig verschieben lassen. Weihnachten ab September, Ostern ab Januar? Den kommerziellen Produzenten und Verkäufern von Lebkuchen und Nougateiern mag das recht sein, aber die Logik des Marktes sollte nicht alle Traditionen auslöschen dürfen, die seit Menschengedenken zeitlich fest verwurzelt schienen.

Immerhin haben wir noch die Jahreszeiten, die sich via Erdachse kaum aushebeln lassen. Tag und Nacht gerät in der Großstadt eh durcheinander, in den Genuss der Sonntagsruhe kommen längst nicht mehr alle Arbeitnehmer. Und jetzt leuchten – Wochen vor dem 1. Advent – in den Schaufenstern schon die Weihnachtsbaumkerzen. Luftschlangen und perlende Prosecco-Gläser werden wahrscheinlich gerade geordert, um gleich nach Heiligabend das Publikum auf ein knallbuntes Silvesterfest einzustimmen.

Innehalten? Die Balance suchen? Der Beliebigkeit trotzen – und dem Weihnachtsfest wenigstens einen Funken Bedeutung bewahren?  Es scheint, als sei dies altmodischer Kram, der im Interesse des Einzelhandels und der aus dem Kraut schießenden Weihnachtsmärkte frühzeitig beiseite geräumt wird. Wahrscheinlich hilft da nur noch passiver Widerstand. Und vielleicht gibt es ja noch ein paar moralisch starke Wirtschaftsstadträte, die den eilfertigen Budenzauber unterbinden. Ulrich Zawatka-Gerlach

CONTRA
Wagen wir einen Blick in den Wetterbericht: Nieselregen, zwölf Grad, na toll. Wer nun gerne Christsterne ins Schaufenster hängt oder im Matsch klebrigen Glühwein verkaufen mag, dem ist vielleicht nicht zu helfen. Aber verbieten darf man ihm das nicht.

Der Totensonntag ist ein wichtiger Tag, und natürlich hat das Weihnachtsfest eine ernste kirchliche Bedeutung. Da sind Respekt und Zurückhaltung geboten. Nun allerdings aufzuschreien und gar einen Termin vorzugeben, ab wann denn bitte schön die festliche Stimmung aufkommen darf, kann niemand ernst meinen. Weihnachten ist für die Händler ein zu wichtiges Geschäft. Das darf jeder so lange ignorieren, wie er will, aber doch bitte nicht verbieten. 209 Euro werden wir laut Umfragen für Geschenke ausgeben; 193 Euro kommen fürs Festessen hinzu. Und es ist noch viel mehr Geld, weil man sich ja vorher oft am Glühweinstand herumtreibt.

Gut, das mag die kalte, kapitalistische Sicht der Händler sein, die Geld verdienen wollen. Und unsere? Seien wir ehrlich: So mancher wird schon ein Schnäppchen im Kaufhaus entdeckt haben und dabei ganz sicher nicht ans Osterfest 2009 gedacht haben. Und wann haben so viele von uns die Reise über die Weihnachtsfeiertage gebucht? Genau, entspannt nach den Sommerferien. Wäre ja auch bisschen hektisch im Reisebüro, am Montagmorgen nach Totensonntag. Dieses Geschäft müssten wir dann nämlich auch verbieten.  André Görke

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