Stadtleben : Weißblau und hellwach

In München ist Brigitte Hobmeier eine Theatergröße Am Dienstag hat sie ihre erste Premiere in Berlin

G,a Bartels

Diese Schweine, schluchzt Brigitte Hobmeier, prügelt mit den Händen auf den Tisch und verschwindet jammernd hinter einem Vorhang aus roten Locken. Ausgerechnet auf ihren Geburtstag hat die Schaubühne die Premiere der „Dämonen“ gelegt. Wo sie ihren 34. doch viel lieber mit Mann und Sohn gefeiert hätte, statt Dienstagabend auf der Bühne zu stehen. Das Schluchzen stoppt abrupt, zwei wasserblaue Augen lächeln, von Tränen keine Spur. Die will nur spielen, die Hobmeier.

Der Neuzugang dieser Saison am Lehniner Platz ist gebürtige Münchnerin und dort eine Theatergröße. Seit 2005 gehört sie zum Ensemble der Kammerspiele, wo sie für ihre Elisabeth in „Glaube Liebe Hoffnung“ mit dem Faust-Preis ausgezeichnet wurde. Davor glänzte sie am Münchner Volkstheater als Lulu oder Geierwally, spielte in Peter Steins Faust-Projekt und studierte an der Essener Folkwang-Schule. Im Fernsehen und Kino ist Hobmeier auch viel zu sehen. Etwa in „Nichts als Gespenster“ oder „Tannöd“.

Gleich nach der „Dämonen“-Premiere dreht sie parallel einen „Tatort“ in Berlin. „Die Stadt gibt mir Arbeit“, sagt sie. Dabei ist ihre erste Theaterpremiere in Berlin eigentlich ein Unfall. Ursprünglich wollte sie dieses Jahr nur filmen, gleich zwei große Produktionen standen an, von den Kammerspielen nahm sie das Jahr frei. Und dann platzten beide. Auch gut gebuchte Schauspielerinnen können Finanzkrisenopfer sein.

Wie ein wunderschöner Notanker sei dann das Angebot von Thomas Ostermeier gekommen, unter seiner Regie nach der in München produzierten „Ehe der Maria Braun“, die die Schaubühne inzwischen übernahm, hier die „Dämonen“ zu spielen, erzählt Brigitte Hobmeier und beißt ins Schinkenbrötchen. Sie ist dankbar, und das Haus in Charlottenburg gefällt ihr. „Schön, wie sich hier in den Ritzen Partikel der Theatergeschichte abgesetzt haben“, sagt sie.

Letzte Nacht ging die Probe wieder bis zwei. Hobmeier reibt die wasserblauen Augen und tut verschlafen. Dabei ist ihre Mimik hellwach, die Gesten sind fordernd. Katarina heißt ihre Bühnenfigur in „Dämonen“. Was ist das für eine? „Die Dulderin, auch wenn ich’s noch nicht akzeptiere.“ Eine Zumutung für das Kraftpaket, das Brigitte Hobmeier im Leben und in anderen Rollen ist.

Morgens im Café der Schaubühne ganz Augen und Stimme und abends auf der Probenbühne ganz ausgesetzter Körper. Ein Alabasterleib auf hohen Hacken, in dünnen Fähnchen, die wallende rote Mähne als einziger Schutz. In Lars Noréns Psychoschlacht zweier frustrierter Paare in den Dreißigern – ein kinderloses, gespielt von Hobmeier und Lars Eidinger, und ein Elternpaar, gespielt von Eva Meckbach und Tilman Strauß – scheut sie keine Blöße.

„Das ist schon grausam und verlangt mir viel ab“, sagt Hobmeier. Im wirklichen Leben ist sie dankbar, nicht Teil so eines Horrorpaares zu sein. „Dieses Kreisen um ich, ich, ich. Da denkt man, die vertrocknen in den nächsten Minuten.“ Nach den Proben schaut sie sich oft das Foto ihres kleinen Sohnes an und ist froh, ihn zu haben, erzählt sie.

Ist kinderlos denn gleichbedeutend mit „einsam“, und sind Kinder gleichbedeutend mit „Glück“? Nö, sagt Hobmeier, weder im Stück noch im Leben. Sie kenne überforderte Eltern genauso wie glückliche kinderlose Paare. Ihren Mann, auch ein Münchener, lernte sie übrigens vor zehn Jahren in Berlin kennen. Zwei Jahre hat sie in Kreuzberg und Neukölln gelebt. Münchenerin ist die Frau, die als Schauspielstudentin auf dem Oktoberfest in einer Lebkuchenherzbude jobbte, trotzdem geblieben. Und ein bayerischer Dickschädel. Dieser spezielle Trotz Autoritäten gegenüber, der schade ihr manchmal selber, sagt Hobmeier. Und was wird nun aus dem Geburtstag, der auf die Premiere fällt? „Fällt dieses Jahr aus, ich bleibe 33.“ Gunda Bartels

Premiere ist Dienstag, 20 Uhr, Spieltermine und Karten gibt es unter Telefon 89 00 23, www.schaubuehne.de

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