Wendezeit : Bilder vom anderen Stern

Dieter Matthes hat die Wendezeit dokumentiert. Seine Fotos sind derzeit in Mitte ausgestellt.

Lothar Heinke
Matthes
Chronist des Vakuums. Dieter Matthes in der Saba-Galerie. -Foto: Doris Spiekermann

Das Jubiläum des Mauerfalls wirkt wie ein Treibstoff; manche Rakete wäre wohl ohne den 9. November 1989 nie abgeschossen worden. Symposien, Informations- und Diskussionsabende zum Thema Leben, Lieben, Leiden und Untergehen in und mit der DDR sind gut besucht, das Interesse des Publikums ist unersättlich. Die Galerie „Saba“ in Mitte hat sich etwas Besonderes ausgedacht. Sie präsentiert 24 Fotos von Dieter Matthes, entstanden in der Zeit zwischen dem „Nicht mehr“ und einem „Noch nicht“, als sich alle Grenzen geöffnet hatten, der Horizont weit und die Ungewissheit groß war, wie die Galeristin Sabine Carbon dem Premierenpublikum erläuterte.

Mit 20 Jahren Distanz sei da wie „in Aspik gelegte Geschichte“ zu besichtigen, der West-Mensch wähnt die Bilder von einem anderen Stern, dem gelernten DDR-Bürger sträuben sich noch im Nachhinein die Haare über diese Szenen aus einem staatlich sanktionierten Tollhaus.

Da ist dieser dürftige Schnapsladen mit der Bezeichnung „Getränkestützpunkt“, das marode Gemäuer eines heruntergekommenen Erholungsheims der Gewerkschaft namens „Strandblick“, da türmen sich Winkelemente und andere Restbestände eines gerade zusammengebrochenen Staates auf einem Handkarren, und „Die Straße der Besten“ zeigt statt Porträts stolzer Werktätiger nurmehr leere Rahmen.

Ein liebevoller Blick streift mit leichter Ironie einige Menschen, deren Porträts sagen wollen, dass sich hier niemand unterkriegen lässt, während die Bilderserie von den Grenzabfertigungsanlagen Dreilinden im Jahre 1993 auch so etwas wie Wut und die Verkommenheit dieser überflüssigen Einrichtung vermittelt.

Dieter Matthes (56) folgte bei all dem mit der Leica in der Hand genetisch bedingter Neugier: Vater Günter war einst der berühmte und in Rathausfluren so gefürchtete wie geschätzte Lokalchef dieser Zeitung, Bruder Ulrich steht auf der Bühne und vor Filmkameras, auch davon hat Dieter als „gelegentlicher Schauspieler“ etwas mitbekommen, „aber im Hauptberuf sitze ich in meiner Hausarztpraxis in Britz-Süd an der Neuköllner Grenze“, sagt er. Vor fast 20 Jahren zog Matthes aus, um ein Land zu entdecken, das er nicht kannte. „Ich war einmal in Ost-Berlin, das war alles.“ Terra incognita vor der eigenen Haustür – da gab es viel zu staunen, zu sehen und zu entdecken. Der sozialistische Schilderwald hat ihn so beeindruckt, dass er ihn förmlich gesucht (und überall gefunden) hat, aber eines Tages war damit ebenso Schluss wie mit den alten Bezeichnungen auf den abblätternden Fassaden.

Aus tausenden Bildern ist dies nur eine sehr kleine Auswahl, wer Lust und Geld hat, kann sich die 50–mal–70-Bilder auch für 1100 Euro pro Stück kaufen. Die DDR im Rückblick und Untergang: Schade, dass Dieter Matthes nicht schon vor dem Jahre 1989 in der DDR fotografiert hat. Da wären seinem hochauflösenden Farbfilm auch ein paar optimistischere Motive ins Netz gegangen. So ist das alles nur die halbe Wahrheit, hübsch hässlich. Lothar Heinke

„Last exit DDR“, bis 9. Mai in der Saba-Galerie, Tucholskystraße 47, Montag-Freitag, 12 bis 19 Uhr, Samstag 11 bis 18 Uhr.

0 Kommentare

Neuester Kommentar