Wendezeit : Schwindende Erinnerung

Eine aus dem Osten, die andere aus dem Westen: Wie Jugendliche über die Wendezeit denken. An die Teilung können sich sich nicht mehr erinnern.

Anna Sauerbrey
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Vor ihrem Gedenkstein. Angelika Kinas (l.) und Katrin Hellwig. Foto: Doris S.-Klaas

Dass es laut war im Trabbi der Eltern, daran erinnert sich Katrin Hellwig noch dunkel. Kurz nach der Wende wurde das Ost-Auto abgeschafft. Und das Motorengebrumm blieb ihre einzige eigene Erinnerung an die DDR. „Wenn ich die Geschichte nicht kennen würde“, sagt die junge Frau, „würde ich sagen, es ist nichts passiert.“

Katrin Hellwig, geboren 1985 in Ost-Berlin und Angelika Kinas, geboren 1991 in Bonn, haben die deutsche Teilung nicht beziehungsweise nicht bewusst erlebt. Ein bisschen Schulunterricht, die ein oder andere Erzählung der Eltern, viel mehr haben sie nicht erfahren von der Zeit, als es noch zwei deutsche Staaten gab. Doch in den letzten Wochen wurde dieses Kapitel der Geschichte plötzlich zum zentralen Thema. Wie der Tagesspiegel und andere Berliner Unternehmen auch, beteiligt sich die mittelständische Hotelgruppe Albeck und Zehden an der Dominostein-Aktion, mit der am 9. November 20 Jahre Mauerfall begangen werden. Über 1000 bemalte Dominosteine aus Styropor werden zum Jubiläum zum Kippen gebracht, am Ende lösen sie ein Feuerwerk aus. Auch eine Gruppe von Auszubildenden der Albeck-und-Zehden-Hotels hat einen Stein gestaltet. Junge Leute aus Ost und West, für die es, wie für Katrin Hellwig und Angelika Kinas, oft die erste bewusste Auseinandersetzung mit diesem Teil der Geschichte war.

„Meine Familie lebt in Stuttgart, München, Köln und Bonn“, erzählt Angelika Kinas. Da war der Osten einfach weit weg. „Wir hatten auch keine Verwandten dort.“ Ihre Eltern waren nicht persönlich betroffen, die deutsche Teilung war kein Teil der Familiengeschichte. So war die DDR auch nach der Wende kaum Thema zu Hause. Ähnlich geht es Katrin Hellwig. Sie ist in der DDR geboren. Ihre Eltern freuten sich über die Wende, aber haben auch das Leben in der DDR nicht als dramatisch empfunden. Ihre Mutter erzähle sogar viel Positives von früher, sagt Katrin Hellwig. „Sie war wahnsinnig zufrieden mit der Kinderbetreuung und erzählt auch, dass die Leute sehr solidarisch waren.“ Zwar wünsche sie sich die DDR nicht zurück. „Aber meine Eltern hatten nie den Drang nach der großen weiten Welt.“

Katrin Hellwig verbindet mit der DDR vor allem Alltagsdinge. Katja Kalinowski, die bei Albeck und Zehden die Auszubildenden rekrutiert und betreut, ist mit der Gruppe ins DDR-Museum gegangen. „Da habe ich diese roten Kompottschälchen wiedergesehen, die ich aus unseren alten Fotoalben kenne. Auf Familienfeiern gab es ja immer Kompott“, erzählt die Auszubildende und schmunzelt.

Neben den Alltagsgegenständen verbinden die beiden jungen Frauen vor allem Bilder mit der Wende, die sie immer wieder im Fernsehen gesehen haben: Menschen, die am 9. November auf die Mauer klettern und sich in den Armen liegen und Trabbis, die die Grenze überqueren. Diese Bilder haben sie auch auf ihren Dominostein gemalt, doch richtig berühren sie Angelika Kinas nicht. „Ich sehe mir das im Fernsehen immer wieder mit Interesse an“, sagt sie, „aber für mich sind das eben historische Dokumentationen.“ 

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