Wetter : Gefühlter Frühling

Die Natur treibt es bunt. Rosen knospen auf, Cabriofahrer freuen sich. Dabei ist in einem Monat schon Weihnachten.

Annette Kögel
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Ob Straßenkünstler oder Flaneure - in Berlin genossen viele das milde Wetter, wie hier am Pariser Platz in Mitte. -Foto: Peters

Da blüht uns was. „Wegen des viel zu warmen Herbstes fängt der Rhododendron schon wieder an zu blühen, und auch Rosenknospen gehen auf“, hat Barbara Jäckel, Expertin vom Pflanzenschutzamt, beobachtet. 14 Grad frühlingshafte Wärme wurden am Sonnabend in der Stadt gemessen, das waren acht Grad über dem Mittelwert für einen 21. November. Manch einer zieht da seinen persönlichen Vorteil aus dem Klimawandel, faltet das Cabrio-Verdeck zurück, setzt sich mit Fleecedecke ins Straßencafé, erfreut sich an den zwitschernden Vögeln, hat seinen großen Auftritt als Straßenkünstler. Wetterfühlige hingegen leiden unter Kopfschmerzen: In vier Wochen ist doch schon Weihnachten.

Doch von Glühwein- und Stollen-Wetter noch keine Spur. „Bis Wochenmitte geht es so weiter, mit Temperaturen um 12 Grad“, kündigt Rüdiger Bach an, Meteorologe vom Deutschen Wetterdienst in Potsdam. Auch am heutigen Sonntag bestimmt die Warmluft aus dem südwestlichen Mittelmeerraum das Wetter, bis zu 14 Grad soll es geben, aber auch Wolken und Regen. So bedeckt geht es erstmal weiter, und recht windig dazu. Der November brachte bislang den für diesen Monat statistisch erwarteten Niederschlag, aber nur 78 Prozent des sonst gemessenen Sonnenscheins, bilanziert Meteorologe Bach. „Bei den Temperaturen liegen wir jetzt zweieinhalb Grad über dem, was sonst durchschnittlich im November gemessen wird.“

Das ist für Jogger und Walker ein Grund zur Freude, auch für die Fußballerinnen vom Verbandsligisten Al-Dersimspor: Die Kickerinnen trainierten gestern auf dem Sportplatz am Anhalter Bahnhof in T-Shirts und kurzen Hosen. Auch den Berlin-Radtouren-Veranstaltern von „Berlin on Bike“ in der Kulturbrauerei in Prenzlauer Berg ist warm ums Herz. „Bei unseren Wintertouren haben wir sonst ein gutes Dutzend Interessenten“, sagt Anbieter Martin Riewestahl. Jetzt sind es weitaus mehr. Manchmal müsse er zwei, drei zusätzliche Guides dazubuchen. „Am Sonnabend waren es sogar vier.“ Weil die Touristen ohne Handschuhe und Regenschutzkleidung auskommen, verzeichnen auch andere Anbieter gute Geschäfte – und die Urlauber zeigen zu Hause dann Bilder von Berlin mit blauem Himmel.

Aber wie, bitte, ergeht es den Tieren aus kälteerprobten Zonen der Welt in Zoo und Tierpark? Eisbär Knut machen die lauen Lüfte nichts aus, sein Fell gleicht Hitze und Kälte aus, und obendrein ist das Tier durch Gianna, WG-Partnerin auf Zeit, abgelenkt. Außerdem kommen Polarbären selbst im Zoo im tropischen Singapur mit dem Klima zurecht, aber in Gefangenschaft sind sie auch nicht auf Eisschollen bei der Jagd angewiesen.

„Für unsere Besucher ist es toll, dass die Tiere gerade draußen auf den Anlagen und recht aktiv sind“, sagt Zoo-Tierarzt André Schüle. Bei Regen verziehen sie sich nämlich lieber, und bei Gewitter verkriecht sich auch ein Raubtier wie Knut. Die Tiere würden nun aber nicht plötzlich Nester bauen oder Brunftgefühle bekommen, sagt Schüle. „Sie haben sich auf solch kurzfristige Temperaturschwankungen eingestellt.“ Berlins Gartenfreunde wiederum hoffen auf einen knackig-kalten Winter, denn Bodenfrost brauchen viele Pflanzen zum Austreiben im nächsten Frühjahr.

An den Murmeltieren im Zoo geht all dies indes völlig vorbei: Sie sind schon vor zwei Wochen in den Winterschlaf gefallen. Dann wurden sie von den Pflegern in die Kellergewölbe unter dem Bergtierfelsen getragen, erzählt Tierarzt Schüle. „Selbst davon bekamen sie nichts mit.“ Wach werden sie erst wieder in einem halben Jahr. Wenn wirklich Frühling ist.

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