Wetter : Schatten im Blick: Zuviel Sonne am Sonntag

Bisher fehlte die Sonne, am Sonntag gab es zu viel von ihr. Die Menschen gierten nach Schatten, blanke Liegewiesen in Mitte blieben leer.

Tanja Tricarico
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Im Monbijoupark -Foto: Uwe Steinert

Auf der Treppe. Müde lässt Ander Persson den Kopf auf seine Knie sinken. Am liebsten würde er schlafen. Die Nacht war kurz und die Hitze macht ihm zu schaffen. Mit seinen drei Freunden sitzt er auf den Stufen vor dem Berliner Dom. Sie überlegen, was sie sich als Nächstes anschauen werden. Persson macht die Beine lang, streckt sich. Die vier haben nur drei Tage Urlaub in Berlin. „Vielleicht können wir an einen See fahren?“, sagt Persson. Er hat genug davon, bei 32 Grad durch die Stadt zu laufen und Sehenswürdigkeiten abzuklappern. Sein Freund geht erst mal ein Eis holen. Zwei Treppenstufen über Persson blättert Louisa Pagliaro in einem Berlinreiseführer. „In Rom sind wir ja solche Temperaturen gewohnt“, sagt sie und rückt ihre Sonnenbrille zurecht. Ihr Rock flattert, als ein feiner Luftzug vom Eingang herweht. „Vielleicht bleiben wir einfach noch ein wenig hier?“ Sie schaut ihren Mann Gianni an. Der versucht ein Bild von den Drachen zu machen, die über der Museumsinsel schweben. Ein Flugzeug und eine Beatles-Flagge sind am strahlend blauen Himmel zu sehen. Als Gianni Pagliaro fertig ist, grinst er zufrieden. Sorgfältig verstaut er die Spiegelreflexkamera in der Fototasche und zieht Louisa am Arm. Er will weiter.

Zwischen Bäumen. Nach 90 Minuten Thai-Chi in praller Sonne legt sich Marianne auf eine der Holzpritschen in der Baumallee im Lustgarten. „Nicht gerade bequem“, sagt sie. Jeden Sonntag im Sommer kommt sie zur Wiese, um zu üben. Weil es die letzten Wochenenden oft geregnet hat, sind heute besonders viele gekommen. „Das ist mein Ausgleich vom Job“, sagt Marianne. Heute muss sie auch noch ins Büro. Die sanfte Brise, die von der freien Fläche in die Baumallee weht, kühlt ihren Sonnenbrand.

Ein kleiner Junge jagt den Tauben hinterher. Zwei Freundinnen unterhalten sich über den letzten Abend. Gedämpftes Stimmengewirr dringt von der anderen Seite des Spreeufers herüber. Maler, Schneider und Buchhändler verkaufen dort ihre Kunstwerke und Antiquitäten.

Plötzlich zerreißt ein Quietschen die Ruhe im Schatten. Harte, scheppernde Klänge sind zu hören, als ob jemand zwei Topfdeckel gegeneinanderhauen würde. Auf der Bühne am Lustgarten läuft der Soundcheck für ein Konzert am Nachmittag. Ein chinesischer Künstler übt auf der Mundorgel.

Unter der Eisenbahnbrücke. Christa Müller ist an ihren Lieblingsplatz zurückgekehrt. Während ihrer Zeit als Praktikantin in einem Kreuzberger Jugendhaus war sie oft hier. Der Platz unter der Eisenbahnbrücke, direkt am Pergamonmuseum, ist trocken und schattig. Aber vor allem kann man dort gut Leute beobachten, ohne dass die es bemerken.

Auf den ersten Blick scheint Christa Müllers Lieblingsort gar nicht so gemütlich. Dutzende Fahrräder sind an das Geländer gekettet, unter der Brücke hängen Spinnweben, Taubenkot klebt an den Streben. „Ich sitze gern am Wasser“, sagt die 22-Jährige. „Für mich ist das ein besonderer Ort.“ Christa Müller wohnt jetzt in Freudenstadt im Schwarzwald. Für zwei Wochen ist sie nach Berlin zurückgekehrt. „Ich genieße den Sommer in der Stadt“, sagt die angehende Raumausstatterin. Sie lehnt sich an das Brückengeländer. Wenn sie ihre Pommes aufgegessen hat, will die Besucherin aber doch weiterziehen. Zum Bodemuseum.

Im Strandkorb im Café. Den letzten hat er ihr weggeschnappt. Die junge Frau im Pünktchenkleid rümpft die Nase. Die Strandkörbe im Café des Amphitheaters am Monbijoupark sind ausgesprochen begehrt. Sie blickt sich um. Wenige Meter weiter lümmelt eine Gruppe von jungen Leuten in einem der Strandkörbe. Einige sehen so aus, als ob sie heute noch nicht geschlafen hätten. Tiefe Augenringe, bleiche Gesichter. Sie nippen an ihren Bionaden, einer krempelt die Hosenbeine hoch. Die schwarze Jeans zieht denn doch die Sonne an.

Im Korb nebenan stillt eine Mutter ihr Baby. Nur noch Liegestühle sind frei, und auf die knallt die Mittagssonne. Mühsam klappt die Frau einen der Stühle zusammen und schleift ihn unter einen Kastanienbaum. Das Café liegt direkt am Spreeufer. Wenn die Touristenschiffe vorbeikommen, dringen Wortfetzen von den Reiseführern herüber. Endlich hat auch die Frau ihren Platz im Schatten gefunden. Tanja Tricarico

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