Stadtleben : Wiedergeburt als Zwerg

Wedding hat eine neue Kleinkunstbühne: Die „Lichtburg“ gab es schon in den Zwanzigern

Thomas Loy

Der Wedding ist für Kulturtreibende ein steiniges Terrain. Dem Bezirk fehlt die solvente bürgerliche Mittelschicht, die in Konzerte geht und das Autorenkino schätzt. Doch es gibt immer wieder Versuche, die Weddinger von der Fernsehcouch aufzuscheuchen. Jetzt hat das „Lichtburgforum“ am Gesundbrunnen einen neuen Versuch gestartet: Am Wochenende spielte hier erstmals das „Kabarett Mückenstich“; es war ausverkauft.

Das Lichtburgforum knüpft an die Tradition der „Lichtburg“ an, eines großen Vergnügungstempels des Berlins der 20er Jahre, als der Gesundbrunnen und die Badstraße zu den Ausgehvierteln der Stadt gehörten. Bislang waren ähnliche Vorhaben nicht gerade von Erfolg verwöhnt: Der „Glaskasten“ in der Prinzenallee sucht nach dem Ausstieg des Varietés „Chamäleon“ immer noch einen Veranstalter mit der nötigen Chuzpe, im Problemkiez zu investieren. Die Theaterbühne wird derzeit unter dem Dach des gemeinnützigen Trägers „Zukunftsbau“ für Kiezveranstaltungen und private Feiern genutzt.

Die „Lichtburg“ öffnete 1929 ihre Tore und entwickelte sich zu einem bedeutenden Kino- und Varietétheater mit überregionaler Ausstrahlung. Ein Amüsiergroßbetrieb mit 2000 Plätzen, Bars, Restaurant, Vereinszimmern und Kegelbahnen. 1937 kaufte der jüdische Kinopublizist Karl Wolffsohn das Haus mitsamt der „Gartenstadt Atlantic“, dem angrenzenden Wohnviertel. Zwei Jahre später wurde der Besitz von den Nazis „arisiert“. Die Wolffsohns flüchteten nach Palästina. Die Lichtburg wurde im Krieg schwer beschädigt. Nach notdürftigen Instandsetzungen konnten wieder Filme gezeigt werden, aber nach dem Mauerbau blieben die Stammgäste aus Ost-Berlin weg. 1962 schloss das Haus, 1970 wurde es abgerissen.

Das neue Lichtburgforum ist im Vergleich zur alten Lichtburg ein Zwerg. Bei 100 Leuten wird es ziemlich eng im Saal. Es gibt Lesungen, Kammerkonzerte und politische Diskussionen. Initiator der Lichtburg-Renaissance ist der Historiker Michael Wolffsohn, Enkel von Karl Wolffsohn. Er hat die Gartenstadt Atlantic komplett saniert und eine kleine Stiftung errichtet, die das Forum bislang finanziert. Mit dem Kabarettprogramm soll die neue Lichtburg als Kleinkunstbühne etabliert werden. Interessenten mit guten Ideen sind stets willkommen.

Dass der Wedding durchaus kulturell erobert werden kann, beweist das „Primetimetheater“, das mit seinen Sitcom- Abenden seit Jahren das Publikum begeistert. Das Material für die Show stammt aus dem lauten Weddinger Straßengeschehen, das an einen deutsch-türkischen Rummelplatz erinnert. Die Spielstättenhistorie war bislang ohne Bedeutung. Vor allem bezahlbar mussten die Räume sein. Das Theater ist mehrfach umgezogen und bis auf Weiteres in der Müllerstraße anzutreffen. Thomas Loy

Das Programm des Lichtburgforums, Behmstraße 13, Tel. 49 98 81 51, findet man unter www.lichtburgforum.de. Der Glaskasten, Prinzenallee 33, hat die Infonummer 49 30 79 15, das Primetimetheater, Müllerstraße 163 b, die Nummer 49 90 79 58.

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