Wildes Berlin : Auf Hauptstadtsafari

Fotograf Florian Möllers dokumentiert mit dem Projekt "Wildes Berlin" frei lebende Tiere in der Stadt. Nächstes Jahr soll ein großer Bildband veröffentlicht werden.

Agnes Taegener
Tierfotograf Florian Möllers
Florian Möllers fotografiert, wie auf dem Roten Rathaus einer von drei jungen Falken "beringt" wird. -Foto: Doris Spiekermann-Klaas

BerlinWeiße Daunen stieben in die Höhe, ohrenbetäubendes Kreischen steigt vom Turm des Roten Rathauses in 90 Meter Höhe in den Himmel. Der junge Wanderfalke in der Hand des Falkners wehrt sich mit der geballten Kraft seiner Krallen gegen den Ring, der über seine winzigen Gelenke geschoben wird. Davor presst sich Florian Möllers Rücken gegen die Steinwand der obersten Plattform des Rathausturmes, um den optimalen Aufnahmewinkel zu erreichen. Ein riesiges braunes Falkenauge guckt direkt in die Linse des Tierfotografen. Er drückt den Auslöser, gleich mehrere Male. Ein wildes Naturereignis, mitten in Berlin.

Von solchen Momenten lebt das Projekt "Wildes Berlin". Vor zwei Jahren hat Möllers mit dem Italiener Bruno d'Amicis, der auch Tierfotograf ist, das Fotoreportage-Projekt gegründet. Über einen Zeitraum von vier Jahren wollen die Fotografen "die unglaubliche Wildheit" der Stadt dokumentieren. Wie eines der vier Wanderfalkenpaare, die am Roten Rathaus einen Brutplatz gefunden haben. "Berlin ist als Stadt für Wildleben einmalig in Europa: Füchse, Wildschweine, Kraniche und Seeadler leben in direkter Nähe zu den Menschen in den Bezirken", sagt Möllers.

Wie weit diese Nähe geht, hat den 37-jährigen Fotografen fasziniert. Während der Schulzeit kaufte er seinem Cousin die erste Kamera ab, eine billige, von Quelle. Seine besondere Vorliebe galt schnell den Wildschweinen, wegen ihres "skurrilen Aussehens und der einzigartigen Sinnesleistung, die diese Tiere erbringen". Das Interesse für seine Lieblingstiere zog ihn aus der Heimat in der Nähe von Osnabrück in das als "Wildschweinhauptstadt" bekannte Berlin.

Im nächsten Jahr soll ein großer Bildband veröffentlicht werden

Der studierte Biologe arbeitete erst vier Jahre für die Gesellschaft deutscher Tierfotografen. Dann kam der Auftrag, für das Magazin "Geo" eine Reportage über Wildschweine zu machen. In Berlin fand er 5000 potenzielle Fotomodelle und viel mehr wildes Tierleben, das sich in Parks, Schulhöfen und Baugruben entwickelt. Gründe dafür, dass neben Wildschweinen auch Dachse, Füchse und sogar Waschbären Einzug in die Stadt gehalten haben, gibt es mehrere: Nur ein Drittel der Stadtfläche ist bebaut. Auch das von Menschen produzierte, überreiche Nahrungsangebot und die üppige Vegetation bieten optimale Lebensbedingungen.

Mit seinen Bildern will Möllers vor allem Interesse für die urbane Wildnis wecken. Vorerst sind die Fotos der beiden Fotografen von "Wildes Berlin" nur im Internet zu sehen. Ein großer Bildband und eine Ausstellung in Zusammenarbeit mit dem Museum für Naturkunde sind für das nächste Jahr geplant. Eine Ausstellung über wilde Stadtnatur in anderen europäischen Städten ist ebenfalls in Arbeit. "Wir wollen den Berlinern zeigen: Es gibt Natur in der Stadt und es lohnt sich, hinzugucken. Auf die Füchse beim Weg von der Disko nach Hause oder auf die Seeadler beim Baden im Tegeler See."

Ein vergleichbares Projekt gibt es nur in London

7240 Tier- und Pflanzenarten gibt es in Berlin, so die Senatsverwaltung für Stadtentwicklung. Sie bieten genug Fotomaterial. Dabei sollen auch die Menschen "ins Bild gesetzt" werden. Spannender als das Tierfoto ist für Florian Möllers oft der Kontakt mit den Berlinern, auf die er bei der Motivsuche angewiesen ist. Da ist die alte Dame, für die das Beobachten der Wildschweine auf ihrem Grundstück die sozialen Kontakte ersetzt. Oder die Familie, die einen Waschbären auf ihrem Dachboden findet. "Die Reaktionen auf die entdeckte Fauna reichen von Begeisterung bis hin zu völligem Unverständnis nach dem Motto: Die müsste man doch alle abknallen", sagt Möllers.

Gute Kontakte zur Senatsverwaltung und der obersten Naturschutzbehörde helfen, schnell vor Ort zu sein, wenn zum Beispiel im Keller des Neuen Museums Spuren von Füchsen gefunden werden. Ein Muttertier mit drei Jungen hatte sich dort häuslich eingerichtet.

Morgens um fünf Uhr oder auch spätabends entstehen die besten Bilder des Wildlebens. Hartnäckigkeit sei seine Stärke, so Möllers. Noch kann er allerdings von dem Projekt nicht leben, nebenbei publiziert er seine Fotos aus anderen Reportagen in Magazinen. Aber die Entwicklung ist gut. Ein vergleichbares Projekt gibt es bisher nur in London. "Es liegt eben in der Spezies der Naturfotografen, keine Lust auf die Stadt zu haben", sagt Möllers. Das Leuchten in seinen Augen verrät, was sie dabei verpassen.

Das Projekt im Netz:

www.wildesberlin.de

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