Winnie Böwe : Sopran mit Schuss

Winnie Böwe spielt, singt und liebt das Chaos Am Montag tritt sie in der Bar jeder Vernunft auf.

G,a Bartels
Boewe
Von Jazz bis Schlager. Winnie Böwe wechselt gerne die Genres. -Foto: Mike Wolff

Schwer über Winnie Böwe zu schreiben: Dauernd sagt sie schlaue Sachen, aber dauernd auch das schlimme Wort, dass mit „Sch“ anfängt und mit „ße“ aufhört. Das sprudelt ihr unverblümt raus. Dabei sieht die Schauspielerin und Sängerin, die Montag in der Bar jeder Vernunft gastiert, so zahm aus wie eine klassische junge Naive: blond, Kulleraugen, Stupsnase. Auf der Bühne trägt sie Tutu, in Pink noch dazu. Das täuscht: Die Böwe ist beim Spielen und beim Singen auf Krawall aus, und auf Quatsch.

„Andere Frauen wollen schön sein“, sagt Winnie Böwe, die gerne Filmfiguren mit dicker Brille, fettigen Haaren oder Fatsuit spielt: „Ich sehe gern scheiße aus.“ Im wirklichen Leben ganz so gern dann offensichtlich doch nicht. „Bevor der Fotograf kommt, geh ich mich noch ein bisschen anmalen“, grinst sie und stapft in ihren Doc-Martens-Stiefeln – weiß mit Blümchen – durch das alte Café Einstein Richtung Toilette.

„Frau Böwe und Herr Morgenstern“ heißt ihr Liederprogramm, in dem sie zusammen mit dem Akkordeonisten Tobias Morgenstern, dem Schlagzeuger Wolfram Dix und dem Kontrabassisten Wolfgang Musick Songs von Tori Amos, Hilde Knef, den Beatles, Joni Mitchell oder Nina Hagen interpretiert. Und das eigenwillig, virtuos, lustig. Der mit persiflierenden Einlagen und musikalischer Improvisation gespickte Abend passt in kein Genre, sondern switcht zwischen Jazzquartett, Chanson, Pop, Schlager und völligem Chaos hin und her. „Abgefahren und frei“ nennt die leicht angemalt wiedergekehrte Winnie Böwe das.

Ihren schönen, klaren Sopran hat sie schon ab der dritten Klasse geschult. Am Händel-Gymnasium in Friedrichshain war Stimmbildung Unterrichtsfach ab der dritten Klasse. Aufgewachsen ist die Tochter des Germanisten, DT-Schauspielers und Fernsehkommissars Kurt Böwe im 18. Stock einer Lichtenberger Platte. Studiert hat sie Schauspiel an der Hochschule Ernst Busch und nebenher Gesang trainiert. Die Jenny in Weills „Mahagonny“ würde sie sich zutrauen, sagt die Schauspielerin, die „auch singen kann“, unverblümt, aber die „Pamina“ aus der „Zauberflöte“ nicht. „Lieber abgefahrenes Zeug wie Schönbergs Liederzyklus ,Pierrot Lunaire‘, das geht in Ordnung.“ Abgefahren ist Böwes Zweitlieblingswort.

Mit Freund und Kindern lebt Winnie Böwe in Pankow. Ohne Fernseher. „Das Ding ist wie ein Süßigkeitenautomat: Man findet’s scheiße, aber frisst es trotzdem“, sagt Böwe, die „für die Miete“ selber reichlich Fernsehen macht. Ohne die Glotze sei man einfach gezwungen, sich zu Hause was anderes einfallen zu lassen. Bücher lesen, Musik hören.

36 ist sie, hat in München und Dresden Theater gespielt und massenhaft Nebenrollen in Fernseh- und Kinofilmen, zuletzt in „Boxhagener Platz“. Die große Hauptrolle steht noch aus. „Einen Film tragen zu dürfen, das wünsche ich mir“, sagt sie. Auf der Bühne kennt sie das schon. Als Lilian in „Happy End“ am Berliner Ensemble oder gerade als Eliza in „My fair Lady“ an der Staatsoper Hannover. Und als sie mit der „Dreigroschenoper“ in London gastierte, hat Komponist Michael Nyman sie vom Fleck weg für seine Oper „Facing Goya“ engagiert.

Das hätte ihrem berühmten, vor zehn Jahren verstorbenen Vater gefallen. Der sah Tochter Winnie eh als Sängerin und fand sie für die Schauspielerei „zu zart“. Klar kann sie auch zart, beim Spielen und beim Singen, aber hart genauso und hoch und tief und witzig. So wie in „Frau Böwe und Herr Morgenstern“. Da trägt sie Montagabend wieder ihr „abgefahrenes“ Tutu.

Bar jeder Vernunft, Montag 15. März, 20 Uhr, Tel. 883 15 82

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