Wintergarten : Kopfüber in die Fünfziger

Der Wintergarten ist ein Jahr nach der Wiedereröffnung gut im Geschäft und feiert Erfolge. Nun kommt die Show „Peppermint Club“.

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Spagat an Spaghetti. Die französische Artistin Charlotte de la Bretèque turnt an einer Art Vorhang aus Seilen. So eine Nummer gebe es nicht noch einmal, sagt Wintergarten-Chef Georg Strecker.
Spagat an Spaghetti. Die französische Artistin Charlotte de la Bretèque turnt an einer Art Vorhang aus Seilen. So eine Nummer gebe...Foto: Eventpress

Der Käse-Igel kostet 1,20. Deutsche Mark – nicht Euro. So steht es auf der Bühne des Wintergarten Varietés auf einer schwarzen Tafel. Zwischen einer himmelblauen Vespa und einer großen, leuchtenden Jukebox wirbeln Punkte, Petticoats und Matrosen im Rock’n’Roll- Rhythmus durch die Luft. „Shake it Baby, Shake it“, singt die Band, alle Musiker tragen sorgfältig gegelte Rockabillytollen .

Michael Klich wippt im Takt mit, den Kragen seines Sakkos hat er hochgeklappt: „Ich bin ja 1975 geboren und kenne die Fünfziger nur aus dem Fernsehen“, sagt der Artist, Schauspieler und Regisseur von Varieté-Shows. Trotzdem habe er nicht gezögert, als Wintergarten-Chef Georg Strecker ihn fragte, ob er dort eine Fünfziger-Jahre-Show auf die Bühne bringen wolle. Seit dem 5. Februar kann man deshalb dort Klichs und Streckers Varieté-Version des Wirtschaftswunderjahrzehnts bewundern. Aber erst am 22. ist die Premiere von „Peppermint Club“.

„Ein Jahr haben wir jetzt wieder hinter uns“, hat Geschäftsführer Strecker gerade gesagt, bevor die Tänzer, Musiker und Akrobaten loslegten. „Und wir sind sehr zufrieden.“ Das war nicht immer so: Die neue Show beginnt ziemlich genau zwei Jahre nach der Schließung des Wintergartens wegen Insolvenz im Januar 2009 – und ein Jahr nach der Wiedereröffnung mit neuem Betreiber, der Arnold Kuthe Entertainment GmbH. Georg Strecker war schon vor der Schließung Geschäftsführer, verließ das Varieté einige Monate vor der Insolvenz und kehrte mit dem neuen Betreiber zurück – mit verändertem Konzept. Bekannte Namen halfen, das Theater im vergangenen Jahr zu füllen: Schauspielerin Meret Becker zog Zuschauer an – mit ihrer Band „The Tiny Teeth“. Und Musiker Mark Scheibe, den man aus Berlinrevuen im Admiralspalast kennt, brachte seine Big Band mit.

Auch in der neuen Show „Peppermint Club“ steht wieder eine Band im Mittelpunkt – die eigens dafür gegründeten „The Mint Tones“, die Strecker „furios“ findet. Der Sänger ist an diesem Tag gerade krank geworden – seine Bandkollegen gleichen aus, mit viel Einsatz und perfekt sitzenden Haaren. So steif wie die Tolle von Willi Widder Nix sind die Frisuren allerdings nicht. Denn der ist als Elvis kostümiert und trägt eine Perücke aus Plastik – unter dem Kinn wird sie von einem Gummiband zusammengehalten. Der Komiker, der außerhalb der Bühne Marco Pfriemer heißt, wird bei der Show jodeln und auf einem mit Leopardenfell bezogenen Alphorn „Rock around the Clock“ spielen. Nein, er habe nichts mit der Schweiz zu tun, sagt er. „Aber das Alphorn ist so ein tolles Instrument. Und noch etwas passt nicht ganz: Sein Elvis-Outfit ist aus den Siebzigern – nicht aus den Fünfzigern. Er nehme das alles eben nicht so ernst, sagt er und wirkt dabei sehr ernst. „Elvis, du kommst hierher“, sagt Regisseur Klich jetzt. Er dirigiert gerade alle Darsteller für ein Gruppenfoto zusammen. Zuletzt setzt er sich in einen Sessel, auf jedem Bein eine schöne Frau im gepunkteten Rock: Sängerin und Moderatorin Lisa Huk, die gerade „Ich will keine Schokolade, ich will lieber einen Mann“ gesungen hat. Und eine sportliche Tänzerin von den Peppermint-Dancers, die beim Herumhüpfen eben den Zuschauern ihre züchtige Unterhose präsentiert hat. Man könne sich ja leicht die Finger verbrennen, wenn man in Berlin „allzu viel Tanz in eine Show packt“, sagt Strecker. Sonst werde man immer sofort mit dem Friedrichstadtpalast verglichen: „Aber wir haben es trotzdem gewagt.“

„Da fehlt noch ein Matrose auf dem Foto“, ruft Regisseur Klich und meint einen der drei Salto-Artisten von Acrobarouf – doch die stammen aus Frankreich, Belgien und Griechenland und verstehen anscheinend nicht so viel Deutsch, denn keiner reagiert. Vielleicht auch, weil sich schon alle drei in ihren blau-weiß gestreiften Outfits mitten in der Gruppe postiert haben.

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