Wochenmärkte : Auf der Spur der Köstlichkeiten

Spargel! Feta! Frische Gerüche! Und überall dieses Lachen! Mit der Sonne ist auf die 160 Wochenmärkte das Leben zurückgekehrt.

Lothar Heinke
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Naschkater. Emmanuel Mangiapane ist bestimmt ein Freund von Kindern - er verkauft am Winterfeldtplatz Fruchtgummis. -Foto: Thilo Rückeis

Der warme Frühling ist schnell über unsere Wochenmärkte gekommen: Die standhaften Marktfrauen und die naturgestählten Mannsbilder hinter den hölzernen Verkaufstischen oder auf den Planken der rollenden Tante-Emma-Läden legen so eine befreite Fröhlichkeit an den Markttag, sie flirten mit der Sonne und lächeln dabei, die Rollkragenpullover liegen längst in der Mottenkiste. Und auch die Kunden tragen sommerliche Kleidung, im Auge glänzt das Hoffnungsglück. So haben auch wir uns ins Marktgetümmel gestürzt: Aus 160 (!) Wochen- und Trödelmärkten, die es in Berlin gibt, haben wir uns jene herausgesucht, die die Berlin Tourismus Marketing BTM den Gästen unserer Stadt empfiehlt, wenn sie etwas Berlin-Markttypisches unter freiem Himmel suchen.

Die Nummer eins unserer Marktbegehung liegt am Maybachufer, öffnet Dienstag und Freitag und nennt sich Türkenmarkt. Da weiß jeder gleich, was ihn erwartet: türkische Händler und Kunden; wer der Sprache nicht mächtig ist, möchte gern wissen, worüber sie reden. Die Gassen zwischen den Ständen sind eng. Ausgepreist werden all die Köstlichkeiten dieses Basars in Deutsch, eine Portion Kochbananen kostet nur einen Euro, „wieder Bärlauch“ verkünden die ökologischen Landfrauen Dagmar und Nora, „Der Grieche“ ist auch da. Nebenan duftet es wie in den Istanbuler Markthallen – hier ist die Nase plötzlich voll von unbekannten Gewürzen. Ein Kunde versucht, ein Fladenbrot um die Hälfte herunterzuhandeln, „die Preise mache ich nicht“, sagt der junge Verkäufer, „muss Chef fragen“, aber Chef nicht da. Also voller Preis.

Der Reiz dieses Marktes am Ufer des Landwehrkanals, direkt auf der Bezirksgrenze zwischen Neukölln und Kreuzberg, ist sein multikulturelles Wesen, diese Menschen-, Sprach- und Warenmischung, die es so anderswo nicht gibt. Man bemerkt jedenfalls, dass viele türkische Frauen etwas tun, was unsere Großmütter auch noch konnten: Selber nähen. Knöpfe, Bordüren, ja, die schönsten und schrecklichsten Stoffe liegen hier ballenweise einträchtig übereinander, ein Meter kostet zwei Euro. Dafür bekommt man eine Boxershort, 95 Prozent Baumwolle, in den leuchtenden Staatsfarben Schwarz-Rot-Gold: „Das ist gut für Patrioten“, sagt grienend der Verkäufer, während sein Kollege auf der anderen Straßenseite fünf Pfund Erdbeeren in fünf Schalen zu sagenhaften 50 Cent anbietet; er schreit sein Super-Feierabend-Angebot so laut heraus, dass die Schwäne auf dem Kanal zusammenzucken.

Der Markt am Winterfeldtplatz ist vergleichsweise still. Kein Geschrei, keine Lobpreisungen für Obst und Gemüse, dafür ein richtiger schöner Marktplatz in einem Häuserkarree als Kulisse. Es ist Mittwoch, sonnabends soll mehr Kundschaft beim Wochenendeinkauf zu treffen sein. Globalisiertes Angebot: spanische Erdbeeren, italienischer Spargel, Schweizer Käse, holländische Lakritz und deutsche Hähnchenschenkel, braungebraten, lecker, zu unschlagbaren 1,60. Wolfgang Ruhnau ist der Strudelmann, ein Wiener, den es an die Spree verschlagen hat, wo er seine Wiener Strudelmanufaktur betreibt. Am Stand steht, was Kaiser Franz Joseph zum Thema gesagt haben soll: „Ein Tag ohne Strudel ist wie ein Himmel ohne Sterne“ – man hat die Wahl zwischen den süßen (Apfel, Birne, Pflaume, Himbeere) und den deftig-pikanten Varianten (Speck, Spinat, Feta, Gemüse-Käse, Broccoli). Und dann ist da auch noch die Frau mit den grauen Pantoffeln, Vollfilz, unverwüstlich, alles Handarbeit aus dem Erzgebirge. Ist das nicht eher was für den Winter? „Nee. Die loofen eijentlich immer.“

Ein Vormittag auf dem Kollwitzplatz. Der bronzenen Käthe haben sie eine rot-weiße Girlande um den Hals gewunden, so wird Frau Kollwitz zum Fan des 1. FC Union. Der Markt hat etwas Leichtes, Beschwingtes. Liegt das an dem jungen Publikum, den Leuten mit den Kleinkindern und Babys, die den Platz erobert haben? Gut verdienender Mittelstand beeinflusst das Angebot: Es gibt hochkarätigen Schmuck und echte Panamahüte, fränkisches Holzofenbrot, teure Weine, dutzendfach Marmeladen oder Öle, ebenso vor aller Augen frisch gepresst wie Orangen. Appetitliche Törtchen vom Konditormeister oder Torrone di Tonara, eine Honig-Mandel-Süßigkeit aus Sardinien, oder doch eher die Kostprobe von einer 430-Pfund-Sau, die am 16. Januar in Stöbra/Thüringen ihr Leben lassen musste, damit auf dem Kollwitz-Markt davon 80 Würste, zehn Pfund Gehacktes, 450 Gläser Wurst und 80 Liter Wurstsuppe verkauft werden?

Hier triumphiert die Vielfalt des Regionalen neben Exquisitware, die Stimmung ist gelöst, fast mediterran (Fische gibt’s auch), die Cafés ringsum tun ein Übriges zum dolce Vita, und die freundliche Verkäuferin vom Bio-Bauernhof Nauen, die seit fünf Uhr auf den Beinen ist, spürt den sommerlichen Frühling daran, dass die Kundschaft keinen Kohl mehr kauft, sondern frische Salate, Artischocken und Bärlauch, den grünen Renner der Natur. „Und außerdem: Plötzlich singen hier wieder die Vögel wie verrückt. Ist das nicht wunderbar?!“

Türkischer Markt, Maybachufer: Dienstag und Freitag 12–18.30 Uhr; Winterfeldtmarkt, Winterfeldtplatz, Schöneberg: Mittwoch 8–13 und Sonnabend 8–16 Uhr; Markt am Kollwitzplatz, Prenzlauer Berg: Donnerstag 12–19 Uhr und Sonnabend 9–16 Uhr.

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