Wohngemeinschaften : Du kommst hier nicht rein

Ein WG-Zimmer zu finden, kann nicht nur zur Vollzeitbeschäftigung werden, sondern auch ohne Ergebnis bleiben. Hauke Friederichs versuchte es in Berlin.

Hauke Friederichs
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Chaos-WG oder doch lieber ordnungsliebend wohnen? -Foto: dpa

Berlin"Du arbeitest jeden Tag?" fragt mich die Studentin mit weit aufgerissenen Augen. "Na ja", sage ich, "nicht am Wochenende." "Du arbeitest von morgens bis abends?" bricht es aus ihr heraus. "Ja." In ihren Augen spiegelt sich Mitleid. Das WG-Zimmer, für das ich mich in dem Gespräch bewerbe, bekomme ich trotzdem nicht.

Ein paar Tage später sitze ich fünf Studenten gegenüber. Draußen ist es dunkel, drinnen auch. Es riecht nach billigem Bier. "Wir wollen hier keine Karrieristen", sagt der eine. Ich nicke und schiebe meinen Black Berry tiefer in die Jackentasche. Plötzlich zucke ich zusammen, denn das diabolische Ding klingelt sehr laut. Ein Kollege ruft an. Kurze Frage, kurze Antwort. Alle schauen mich tadelnd an.

"Wir kochen oft zusammen, gehen gemeinsam weg oder reden die ganze Nacht", sagt ein anderer. "Hmh, klingt nett", sage ich. Wieder klingelt das Handy, erneut ist der Kollege dran. Dann dröhnt auch noch das private Handy. "Und wir mögen keinen Stress", sagt ein dritter. Ich breche auf. Von der WG höre ich nie wieder.

Ich hatte ja schon ein wenig mit einer Absage gerechnet. Denn meine Suche nach einer Wohngemeinschaft in Berlin war bis dahin eine einzige Pleite. Ein kleines Zimmer sollte es sein, nicht zu teuer und dennoch zentral gelegen. Ich pendelte von Hamburg fast täglich nach Berlin. Irgendwann hatte ich das Gefühl, zu viele Pappbecher schlechten Bahnkaffees getrunken und viel zu oft mit dem Zug auf freier Strecke gestanden zu haben. Jemand klaute mir Computerkabel, Kühe standen auf den Gleisen und manchmal waren die Rettungssanitäter auf der Strecke im Einsatz. Ich brauchte also dringend eine Bleibe. In meiner Not fragte ich jeden Bekannten. Ich erntete nicht viel Verständnis.

"Du findest kein WG-Zimmer in Berlin?" fragten mich entsetzte Kollegen. Ich zuckte ratlos mit den Schultern und suchte weiter. Im Internet und im Freundeskreis.

Dabei war gar nicht alles schlimm. Es gab auch nette Zeitgenossen. Die aber suchten jemanden, der etwas häufiger zuhause wäre als ich. Andere hatten 30 Bewerber auf ein 12 Quadratmeter großes Zimmer. Manche nette Absage wurde von einer Einladung auf ein Bier begleitet.

Doch bei den meisten Angeboten hatte ich das Gefühl, sie seien einfach zu seltsam, um ernst gemeint zu sein: So pries jemand ein schönes Durchgangszimmer an. Recht billig war es, und es hatte auch nur einen Haken: Die Tür dürfe der Bewohner nicht schließen, hieß es. Denn der Weg in die Küche und ins Bad führte die Mitbewohner direkt durch das Zimmer.

Die Bedingung an den zukünftigen Mieter in einer anderen Anzeige: Er müsse sich um "alle Katzen" kümmern. Was bedeutet "alle", fragte ich mich. Zwei, drei, vier, ein ganzer Streichelzoo? Andere Angebote klangen ähnlich zeitaufwändig. Eine "politische WG" kündigte an, stets am Wochenende gemeinsam Demonstrationen zu besuchen – gegen was auch immer. Vorher sollten gemeinsam Transparente gemalt werden. Ob der Verfassungsschutz dort wohl lauscht?

Bedingung für den Einzug in ein anderes Zimmer: Der Untermieter sollte eine Seniorin betreuen. Pflichtprogramm: ein täglicher Spaziergang, nicht unter einer Stunde.

Andere suchten wohl gar keinen Mitbewohner, sondern ganz offensichtlich Lebenspartner. Ein Sportstudent schrieb, für ihn komme nur jemand in Frage, der jeden Morgen mit ihm Joggen geht, jeden Nachmittag zum Schwimmen und abends Filme schaut. Das klang nach Sportinternat.

"Fleischer gehen gar nicht", schrieb eine andere Wohngemeinschaft in ihrer Anzeige. Was haben die wohl gegen das Metzgerhandwerk, fragte ich mich. Die Auflösung: Die beiden Mitbewohnerinnen sind Veganer und wollen mit niemandem zusammenleben, der tote Tierteile frisst. Der Fleischer in mir schrie: nicht einziehen!

Wenn ich dann doch unter den Hunderten Offerten endlich eine scheinbar ideale WG gefunden hatte, dann war ich einer von Dutzenden Interessenten. Meist stöhnten die Vermieter bei meinem Anruf nur noch auf. "Ich habe schon 30 Anfragen, ich schaffe es nicht mehr", klagte einer. Ein weiterer schrie mich an, er komme nicht mehr zum Arbeiten, weil ständig das Telefon klingele. Eine junge Frau jammerte, dass sie bereits für die nächsten 14 Tage Termine für Besichtigungen vergeben hätte.

Soll doch jeder nach seiner Fasson glücklich werden, dachte ich. Für mich ist das Modell WG offenbar nicht mehr passend, ich bin ja auch seit Jahren kein Student mehr. Der Lebensentwurf der 20-Jährigen kollidiert mit meinem - dachte ich und fühlte mich alt.

Aber auch viele Studenten finden keine passende WG mehr. Das wurde mir auf meiner nächsten großen Mission klar, der Suche nach einer kleinen Wohnung. Wohnungen sind in Berlin billiger als so manches WG-Zimmer, dabei größer und viel leichter zu bekommen: Auf drei Besichtigungen folgten drei Zusagen von potenziellen Vermietern.

Bei diesen Terminen traf ich jede Menge Leute, die von nervigen WG-Castings, irren Zimmer-Vermietern und kruden Bedingungen erzählten. Sie wurden nach ihrem Glauben gefragt oder mussten versichern, auf keinen Fall Mitglied der FDP zu sein. In manchen Wohngemeinschaften war es verboten, Besuch zu bekommen. Unter den Bewerbern für kleine Wohnungen waren sehr viele Studenten. Sie alle konnten die Abkürzung WG nicht mehr hören, genau wie ich.

Dass Wohngemeinschaften bei Studenten immer unbeliebter werden, bestätigt das Studentenwerk Berlin. Dort heißt es: Die Nachfrage nach Einzelappartements steigt. Eine Studie ergab: Nur noch jeder vierte Student lebt in einer WG. Wie viele von ihnen zufrieden sind, weiß man nicht. Auch nicht, ob sie vorher eine Ausbildung zum Alten- oder Tierpfleger gemacht haben.

Wie weit ich wohl gehen würde, um ein WG-Zimmer zu ergattern, muss ich mich nicht mehr fragen. Ich habe eine Wohnung gefunden.
 

Quelle: ZEIT ONLINE

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