Wrestling : Die hohe Kunst des Würgens

Mit Bud Spencers Prügelfilmen fing alles an. Ein Besuch bei Berliner Wrestlern.

Fabian Dietrich
Wrestling
Große Show. Wrestler wie diese hier aus den USA gehören zu den großen Vorbildern der deutschen Schaukämpfer. -Foto: dpa

Heute geht es im Statthaus Böcklerpark mal etwas ruppiger zu, der Grund sind Ahmed Chaer und Carlos Gallego. Der Eingang ist mit einem großmaschigen Tarnnetz verhängt. Im Inneren sitzen Kleinkinder mit ihren Müttern, alte Männer und Teenager dicht gedrängt auf Plastikstühlen um einen blauen Boxring herum. „Herzlich Willkommen, liebe Wrestling-Fans“, begrüßt sie die effektverzerrte Stimme des Ringsprechers.

Carlos Gallego sitzt in der ersten Reihe. Seine Arme sind dick wie Baumstämme, doch er wird an diesem Abend niemanden verprügeln. Das hat er lange genug gemacht. Schon als Kind in Kreuzberg spielte er mit seinem Freund Ahmed Chaer und dessen Bruder Crazy Sexy Mike Kämpfe aus dem Fernsehen nach, erst Schlägereien aus den Filmen Bud Spencers, dann choreografiertes Wrestling aus Amerika. Bevor die drei Profis wurden, brachen sie sich viele Knochen, fügten sich mehr Blutergüsse und Platzwunden zu, als sie zählen konnten.

Carlos Gallego ist 29 Jahre alt, wegen seines kaputten Rückens kann er nicht mehr kämpfen. Jetzt ist er ein Funktionär, der Vorsitzende der German Wrestling Federation, einer kleinen Liga, die er vor fast zehn Jahren mit den beiden Sandkastenfreunden Chaer und Mike gegründet hat. Die Federation vermarktet ihre Kämpfer von Berlin aus nach Japan und ins europäische Ausland. In den letzten Jahren veranstaltete sie Dutzende Turniere in Kreuzberg und Neukölln.

Ahmed Chaer steht mit rund 20 anderen Männern im Ring. Er ist, zumindest zurzeit noch, einer von den Guten, lacht, verteilt Kusshände – im Gegensatz zu den vielen verschlagenen und maskierten Typen, die neben ihm zwischen den Seilen herumtigern. Die Stimme des Ringrichters schwillt an. „Flying Dragon! Ivan Kiev! Absolut Andi! Headshrinker Alofa! Und der Titelverteidiger: Ahmed Chaer!” Ein langhaariger Kanadier kann es nicht mehr erwarten. Noch bevor der erste Kampf beginnt, versetzt er Chaer einen kurzen festen Tritt mit seinen feuerroten Lederstiefeln. Nur mit Mühe gelingt es dem winzigen Ringrichter, die streitenden Männer auseinanderzuhalten.

Ahmed Chaer hat es ein bisschen satt, immer nur nett und gut zu sein. Manchmal wäre er gerne so gemein wie der Kanadier. „Das macht Spaß, da kann man arrogant sein und einfach alles rauslassen. Im Ausland mache ich das manchmal jetzt schon. Vor allem in Spanien brauchen sie immer böse deutsche Wrestler”, sagt er. Sein Repertoire hat er deshalb vor kurzem um eine unfaire Methode erweitert. „Ich haue dem anderen den Stuhl so doll über, wie ich kann. Das ist eine ironische Anspielung”, sagt er stolz. „Ich heiße schließlich Ahmed Chaer, und der Fachausdruck für den Stuhlschlag ist Chair Shot. Das versuche ich so ein bisschen als mein Markenzeichen zu etablieren.”

Ahmed Chaer kann vom Wrestling leben. Er reist auf Turniere in Europa und Nigeria, trainiert in Hellersdorf Kinder für das Projekt „Die Arche” und in Neukölln Profi-Wrestler in einer Schulturnhalle. Die Guten und die Bösen aus der German Wrestling Federation stehen bei ihm gemeinsam auf der Matte. Ivan Kiev, Flying Dragon und die anderen lernen zu springen, zu fallen, zu würgen und benebelt am Boden herumzukriechen. „Einstecken ist genauso wichtig wie Zuschlagen”, predigt Chaer. Er hilft seinen Schülern dabei, ihre Charaktere zu entwickeln. Wenn er meint, einer habe keine gute Mimik, empfiehlt er eine Maske.

Beim ersten Kampf des Abends geht einiges schief. Die Fäuste treffen nicht richtig, die Sprünge gehen daneben, ein Kämpfer stößt mit dem Kopf an einen Stahlpfosten. Der Ringrichter unterbricht und wickelt ihm eine Mullbinde um die Drachenmaske. Sein Gegner giftet währenddessen ein buhendes Kind in der ersten Reihe an: „Hast du ein Problem oder was?” Der Junge verstummt.

Erst nach einer Weile kommt das Turnier in Fahrt. Die Kämpfe werden schneller, spektakulärer. Der Sprecher stachelt die Menge an. „Aykut kommt aus der Türkei. Er hasst die Deutschen für ihre Dekadenz und westliche Lebensart.“ Das Publikum schreit und buht. Zwei türkische Frauen verteilen Butterkuchen an ihre Nachbarn. „Barish, mach mit Fuß!“ kreischt die eine. „Aykut, Vorsicht!“ die andere. Im Minutentakt klatschen schwitzende Körper auf dem Boden auf. Irgendwann liegen die Wrestler bewegungslos aufeinander und verschmelzen zur fleischfarbenen Knetmasse.

Natürlich ist das alles nicht echt. Oder doch? Die Fachleute sind sich nicht ganz einig. Ahmed Chaer und Jose Gallego jedenfalls verwahren sich gegen den Vorwurf, die Wrestler würden beim Schlagen in die Hände klatschen, beim Würgen nicht richtig durchziehen und beim Fallen weich auf dem Boden abfedern. „Nein, nein, das deutsche Wrestling ist ganz besonders hart. Es gibt kein Drehbuch, die Siege sind nicht abgesprochen. Es geht um Kondition”, sagt Gallego.

Der letzte Kampf gehört Ahmed Chaer selbst. Er würgt den Kanadier lange und fest mit seinen muskulösen Beinen. Der Ringrichter zählt bis zehn und beendet das Match. Erneut gewinnt Ahmed Chaer den Titel seiner eigenen Wrestling-Liga. Der Ringrichter legt ihm den Gürtel um die Hüfte, Chaer strahlt. Nächstes Jahr will er in Japan kämpfen, der härtesten und besten Liga von allen, und viel, viel Geld verdienen. Diesmal wartet aber noch ein eher deutscher Wrestler-Job auf ihn. Er und Carlos Gallego müssen 150 Plastikklappstühle aus der Halle tragen.

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