Zechtour : Die Saufkundschaft von Mitte

Geführte Kneipentouren sind bei Berlin-Touristen der Renner – weil es Alkohol bis zum Umfallen gibt.

Werner Kurzlechner
Sauftour
Ballermann war gestern. Berlin wird immer beliebter bei Sauftouristen. -Foto: laif

Wer abends die Oranienburger Straße entlangpilgert, gerät schnell in eine dieser feucht-fröhlichen Prozessionen. Es ist Freitag, kurz nach zehn an der Ecke Auguststraße. Die Hohepriesterin im roten T-Shirt reckt ihre Monstranz in die Luft, eine Schnapsflasche. In barschem Ton ruft sie ihre Gruppe zusammen, drei Dutzend Berlin-Besucher aus aller Welt. Sie erkunden das Nachtleben beim „Pub Crawl“, einer organisierten Zechtour, und kriegen gebetsmühlenartig die Frage zu hören: „Want some shots?“ Um gut mit Kurzen („shots“) versorgt zu werden, haben die Kneipenpilger zehn bis zwölf Euro gezahlt. Jetzt geht es in den „Silberfisch“. Es ist schon das dritte Lokal dieses Abends.

Immer mehr Gäste kommen nach Berlin, um sich für wenig Geld zu betrinken. Der Online-Reiseführer Sherman’s Travel reiht Berlin hinter Amsterdam als zweitbestes Ziel für Bierliebhaber weltweit ein – nicht zuletzt wegen des Bierfestivals, das gestern auf der Karl-Marx-Allee begann. Ein Anbieter von Gruppenreisen bewirbt seine Achttage-Biertour mit dem Slogan „you’ll be intoxicated“. Betäuben lassen sich die Kunden auf der Route Berlin-Prag-München. Manchmal stoßen sonntägliche Spätfrühstücker in Friedrichshain auf britische Wettsauftrupps, die ein Pils nach dem anderen kippen. Weitaus beliebter als die Simon- Dach- Straße ist aber die Oranienburger Straße.

Im „Silberfisch“ lümmelt sich gelangweilt eine Handvoll Gäste, als die Crawler hereinschwappen. Die jungen Frauen und Männer drängeln sich im dunklen Clubkeller vor ihren Altar, den Tresen. Sie zeigen die Stempel auf ihren Handgelenken vor und bekommen zu jedem bestellten Getränk flüssiges Extra-Manna. Bald zappelt ein Großteil der Gruppe zu britischem Gitarrenrock. Ein Kerl im schwedischen Fußballtrikot brüllt seinem Kumpel „Ruby, Ruby, Ruby“ ins Ohr. Der heißt Brandon, kommt aus St. Louis, Missouri und klappert auf seiner Rundreise halb Europa ab. Der bedächtige Brandon hat ein Faible für Geschichte und taugt auf den ersten Blick so gar nicht zum Partylöwen. Bald prostet ihm ein Grüppchen aus Dänemark zu. Espen findet es eigentlich affig, beim Zechen hinter einer Gruppe herzudackeln. „Wie die Lemminge“, raunzt er. Überreden ließ er sich trotzdem.

Solche Trinktouren bieten inzwischen mehrere Firmen an. Treffpunkt ist täglich gegen acht Uhr abends am Hackeschen Markt oder am S-Bahnhof Oranienburger Straße. Manchen Wirten retten diese Runden den Umsatz, andere wettern schon mal gegen die „Heuschrecken“. Beim Hotel- und Gaststättenverband beschweren sie sich bislang nicht. Der für Gastronomie zuständige Vizepräsident Klaus-Dieter Richter macht jedoch eine gewisse Verwandtschaft zum Flatrate-Saufen aus. Richter ermahnt die Wirte, an Betrunkene keinen Alkohol zu verkaufen. „Das steht klipp und klar im Gaststättengesetz.“ Christian Tänzler von der Berlin Tourismus Marketing (BTM) beobachtet bislang keine Auswüchse. „Diese Touristen sind nicht die Mehrheit.“ Joachim Zeller (CDU), Wirtschaftsstadtrat von Mitte, hat da Zweifel: „Genau daher kommen die Erfolgszahlen, mit denen sich die BTM immer schmückt.“ Zeller selbst erlebte schon Szenen, „da kann man nur die Flucht ergreifen.“ Mittelfristig verlagere sich das Problem wohl in Ecken, wo der Rausch noch weniger kostet. Einen Kneipentouranbieter in Friedrichshain gibt es schon.

Die Prozession zieht weiter ins „Studio 54“ im Tacheles. Sie nimmt einen Umweg über einen Parkplatz, um Kommunion zu feiern. Die Gruppe teilt sich in zwei Reihen, nach Geschlecht getrennt. Den Mädels schüttet der charmante „Guide“ Hochprozentiges in die Kehle, den Jungs seine rustikale Kollegin. Eine junge Frau tänzelt wieder ans Ende der Schlange und ruft entrückt „Wow, Apfelschnaps“. Der ruhige Brandon torkelt nach einem Schluck Tequila ins Getümmel und lüpft sein T-Shirt. Er will mit nackter Haut imponieren. Die Party geht jetzt richtig los: erst ins „Studio 54“, dann in einen Club. Eine junge Frau schafft es nicht dorthin. Sie hat sich übergeben und kauert heulend auf dem Bürgersteig. Eine Freundin bleibt bei ihr. Der Trinktross marschiert weiter.

Mit dem Thema befasst sich auch die aktuelle Ausgabe des „Zitty“-Magazins

0 Kommentare

Neuester Kommentar