Stadtleben : Zeit zum Schwärmen

Jetzt geht es endlich los. Die Kür der Stars auf den 59. Internationalen Filmfestspielen beginnt. Aber nicht nur Autogrammjäger dürfen sich auf zehn aufregende Tage freuen

Elisabeth Binder
Day Lewis Berlinale
Im Blitzlicht. Die Stars der Berlinale können kommen. -Foto: ddp

Vorhang auf für die Berlinale. Von heute an ist die Stadt der Star. Die Kür auf dem roten Teppich vor dem Berlinale-Palast beginnt diesen Donnerstagabend mit den Protagonisten des Eröffnungsfilms. Neben Regisseur Tom Tykwer dürfen sich die Fans auf Autogramme von Clive Owen, Armin Müller-Stahl und Ulrich Thomsen freuen. Naomi Watts, seit Mitte Dezember zum zweiten Mal Mutter, verzichtet aus verständlichen Gründen auf die Premiere. Auch Jury-Mitglieder wie Tilda Swinton, Henning Mankell und Christoph Schlingensief werden der Eröffnungsgala Glanz verleihen. Manche Stars entscheiden sich im Verlauf des Festivals ganz kurzfristig, dabei sein zu wollen. Fest geplant haben es unter anderem Julie Delpy, die im Panorama ihren Film „The Countess“ vorstellt, Kate Winslet, Hauptdarstellerin in „Der Vorleser“, und auch der Vorleser selbst, David Kross, hat sein Kommen zugesagt. Keanu Reeves, Michelle Pfeiffer, Ralph Fiennes und Demi Moore wollen ebenfalls über den Teppich schreiten.

Das heftige Funkeln rund um die Gala „Cinema vor Peace“ am Montag hat schon Tradition, obwohl die Veranstaltung mit der Berlinale selbst nicht unmittelbar was zu tun hat. Dort wird neben Leonardo Di Caprio samt Mutter Irmelin und Roger Waters von Pink Floyd auch Michail Gorbatschow erwartet, was perfekt zum Jubiläumsjahr des Mauerfalls vor zwanzig Jahren passt.

Wer sich im vorigen Jahr von der Berlinale verabschiedete mit dem Gefühl, ein Kinoabend mit den Rolling Stones wird nicht zu toppen sein, darf sich in diesem Jahr auf Erlebnisse ganz anderer Art freuen. Und das gilt keineswegs nur für Insider. Dass die Berlinale immer mehr zu einem Kinofest für ganz Berlin geworden ist, liegt auch daran, dass Festivalchef Dieter Kosslick die in deutschen Kulturkreisen oft immer noch üblichen Berührungsängste mit dem Unterhaltsamen nicht kennt und die Kür auf dem roten Teppich als Mitmach-Event für alle befördert. Das ist aber nur die eine Seite. Die andere Seite formiert sich aus Berlinern, die teils extra Urlaub nehmen und geduldig in den Schlangen stehen, um sich einmalige und ungewöhnliche Filmerlebnisse zu sichern. Abseits vom großen Wettbewerb, dessen Beiträge in der Regel später in den Kinos zu sehen sind, formieren sie eine Zuschauer-Avantgarde, die sich mit kreativen Bildsequenzen aus aller Welt auseinandersetzt, die es zum Teil ganz exklusiv nur während dieser zehn Tage hier zu sehen gibt.

Diese Neugier auf Neues, die Freude daran, der Lust auf Bilder mal freien Lauf zu lassen und drei oder vier Filme täglich zu sich zu nehmen, stiftet unter den Film-Junkies eine Spontan-Gemeinschaft, die man dieser Tage wieder in Diskussionen von Gästen aus aller Welt in den Lokalen rund um den Potsdamer Platz wird beobachten können.

Ganz wichtig für die Stadt sind auch die Stars von morgen, die auf dem Talent Campus ihre bewegten und bewegenden Bilder und Geschichten aus Berlin austauschen und in diesen Tagen neue einsammeln werden. Die künstlerische Auseinandersetzung mit Berlin durch junge Filmemacher aus aller Welt hat kaum zu überschätzende Auswirkungen für das Image der Stadt. Der Trend, spezielle Angebote fürs große Publikum zu schaffen, hat sich in den letzten Jahren immer verstärkt. Mit dem Cosima-Kino und dem Friedrichstadtpalast kommen diesmal Spielstätten mit hohem Identifikationsfaktor beim Publikum dazu. Der Kinotag für alle am Abschluss-Sonntag kann wieder als offenes Festival-Finale zelebriert werden.

Viele Berliner sind filmverrückt, egal, ob sie als Star-Schwärmer am roten Teppich stehen, als Intellektuelle bulgarische Animationsfilme gucken, als Nachwuchskritiker die Generationenfilme Kplus begutachten oder als Food-Junkies im Kulinarischen Kino das Mahl zum Film genießen. Diese Atmosphäre spüren die Gäste aus aller Welt. Und deshalb ist es letztlich egal, ob immer neue Star-Rekorde erzielt werden oder die Krise ihren Party-Tribut fordert. Das Festival selbst ist ein Star – und alle, die sich davon mitreißen lassen.

0 Kommentare

Neuester Kommentar