Zeltstadt am Gendarmenmarkt : Der Weihnachts-Mann

Helmut Russ organisiert einen der schönsten Adventsmärkte Berlins: die Zeltstadt am Gendarmenmarkt. Ein dreiviertel Jahr Vorbereitungszeit braucht der Mann aus Schleswig-Holstein für seinen Weihnachtszauber.

Lothar Heinke
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Herr der Zeltstadt. Am Montag startet Helmut Russ seinen siebten Weihnachtszauber auf dem Gendarmenmarkt. -Foto: Thilo Rückeis

Jetzt glänzen sie wieder: Auf den Weihnachtsmärkten leuchten die Weihnachtssterne, die öffentlichen Bäume strahlen und die Kassen klingeln. Die meisten Märkte öffnen heute Abend ihre Tore. Auf dem Gendarmenmarkt hofft man, dass die Gäste wieder so zahlreich in die kleine Stadt mit den großen weißen Zelten strömen wie im letzten Jahr. Da wurden 600 000 Besucher gezählt. Der Markt zwischen den beiden Domen und Schinkels Schauspielhaus gehört zum Schönsten, was die Adventszeit zu bieten hat. Heute Abend entfacht der Regierende Bürgermeister das Licht in der Fichte aus Leegebruch bei Oranienburg.

An seiner Seite: Helmut Russ. Der Mann aus Schleswig-Holstein ist im siebten Jahr der Macher des Marktes, ein Weihnachtszauberer, der schon immer ein halber Berliner war und nun ein ganzer ist. „Ich bin 2004 hierher gezogen“, sagt der Unternehmer, „aber die Beziehungen zur Stadt sind viel älter.“ In den siebziger Jahren hatte Helmut Russ in Berlin Sozialpädagogik studiert, war dann mit Frau und drei Kindern aufs Land nach Schleswig-Holstein gegangen, wurde als Antiquitätenhändler auf einem Bauernhof selbstständig und veranstaltete in Bissee bei Kiel einen Weihnachtsmarkt.

Eines Tages aber lockte den Ausdauersportler (Bergsteigen in den Alpen, Marathon) die nächste Dimension – das große Berlin mit seinen tausend Möglichkeiten. Das Bezirksamt Mitte und der Runde Tisch für Tourismus suchten Veranstalter für einen Weihnachtsmarkt, der zum würdigen Gendarmenmarkt passen sollte. Helmut Russ’ Bewerbung entsprach den Vorstellungen des Senats, die dunkle Jahreszeit mit einem speziellen Weihnachtszauber zu erhellen und die vorweihnachtlichen Touristenströme nach Berlin zu locken. Russ bekam den Zuschlag und produziert seit 2003 einen Markt, bei dem die Mischung aus nicht alltäglichem Kunsthandwerk, gehobener Gastronomie, Musik und Unterhaltung so stimmig ist, dass Jahr für Jahr mehr Publikum auf den Platz strömt, auch wenn der Eintritt einen Euro kostet. Das ist der Preis für die „kulturelle Umrahmung“, aber auch für die Unterstützung karitativer und kultureller Projekte.

Fünf Wochen lang können die Aussteller ihre Waren in Berlin präsentieren. „Wir fangen im Frühjahr an, den nächsten Markt vorzubereiten“, sagt Helmut Russ, 90 Prozent aller Verträge mit den Ausstellern werden im ersten Quartal geschlossen. Dann begeben sich der Veranstalter und seine Schwester auf Suche nach Raritäten. So fanden sie einen Mann aus Österreich, der das ganze Jahr über Lehmmännchen-Krippenfiguren formt. Es gibt diverse „Wolllust“-Objekte, Holzschnitzer aus Oberammergau oder einen Origami-Meister der Papierfaltkunst, der aus Chile anreist. Viele Akteure kennen sich mittlerweile, eine „Familie ohne Konkurrenzprobleme“, und zur Halbzeit des Marktes, der auch in diesem Jahr bis zum Silvestertag dauert, feiern die Aussteller ein Bergfest als große Party – und machen schon mal finanzielle Zwischenbilanz. „Von Krise haben wir im vorigen Jahr nichts bemerkt“, sagt Russ, der als Miete für den Gendarmenmarkt 200 000 Euro bezahlt und dann die Fläche häppchenweise weitervermietet. „Keiner klagt, hier haben alle wirklich gute Umsätze“. Auch die Restaurants mit ihrem kulinarischen Gegenentwurf zur Chinapfanne – aber Bratwurst gibt’s natürlich auch und Glühwein.

Ein großes Organisationsteam arbeitet im Hintergrund: Wachschützer müssen bestellt, Stromverteiler installiert, Sanitätsdienste organisiert, Chöre und Solisten engagiert und tausend Lichter bezahlt werden. „Was wir hier tun, tun wir auch für Berlin“, sagt der Veranstalter und ist gespannt, wie sich das neue Konzept bewährt: Mehr Zelte auf dem Platz und mehr Transparenz, weil nun Glas statt Stoff den Markt begrenzt, Licht nach allen Seiten.

Ab heute u.a. offen: Nostalgischer Weihnachtsmarkt am Opernpalais, Mo-Do 12-21.30, Fr-Sa 11-22.30 , So 11-21.30 Uhr; Weihnachtsmarkt am Schloss Charlottenburg: Mo-Do 14-22, Fr-So 12-22 Uhr; Weihnachtsmarkt am Roten Rathaus: So-Do 11-21, Fr-Sa, 11-22 Uhr.

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