Zeughauskino : Die Stadt als Star

Querschnitt in 29 Kapiteln: Zeughauskino startet neue Reihe "Berlin im Film". Die Themenreihe wird sich bis in den Juli hinein erstrecken.

Andreas Conrad
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Normale Kinogänger, die es zufällig zu Dreharbeiten verschlägt, wundern sich oft, wie langweilig es dort zugeht. Action? Von wegen. Aber bisweilen ist es auch unterhaltsam für alle Beteiligten, ja geradezu idyllisch. „Haben uns von einem Bäcker in Nikolassee einen wackligen Karren ausgeliehen und schleifen darauf die Apparate durch den Strandsand. Stehen vierzehn Stunden an der Kamera und packen alle ordentlich an. Halten uns selbst die Blenden, knien den ganzen Tag am See, und wenn uns der Hitzschlag droht, stecken wir eben die Köpfe ins Wasser.“ Billy Wilder, der damals noch Billie hieß und Drehbücher schrieb statt sie auch selbst zu verfilmen, berichtet hier von den Dreharbeiten zu Robert Siodmaks „Menschen am Sonntag“, entstanden 1930, einer der letzten deutschen Stummfilme, ein federleicht poetisches, bezauberndes Werk über vier junge Leute und ihren Sonntagsausflug an den Wannsee – zweifellos die charmanteste Art, eine Filmreihe über Berlin zu beginnen.

„Berlin im Film“, heißt es vom 1. April an im Zeughauskino, erster Programmtag einer sich bis in den Juli hinein erstreckenden Themenreihe mit 29 Filmen. „Eine subjektive Auswahl“, wie vorsorglich betont wird, und das ist wohl auch notwendig, sonst würde man sich über das Fehlen von Filmen wie „Berlin: Die Sinfonie der Großstadt“, „Berlin Alexanderplatz“, „Asphalt“, „Berliner Ballade“, „Eins, zwei, drei“ oder auch „Berlin – Ecke Schönhauser“ womöglich wundern, während andere Klassiker wie „Emil und die Detektive“, „Die Halbstarken“ oder „Der Himmel über Berlin“ im Programm sind. Ausschließlich unbekanntere oder vergessene Werke der Filmgeschichte in die Liste aufzunehmen, war also offenbar kein Auswahlkriterium.

Aber den Hauptanteil an der Reihe haben sie schon, und das ist ja auch zu begrüßen. Wann hat man schon Gelegenheit, Heinrich George in seiner einzigen Regiearbeit „Schleppzug M 17“ (1933) zu sehen – ein Film über die moralisch-erotischen Verirrungen eines wackeren Havelschiffers, der zuletzt aber doch wieder in den – ja, hier darf man es einmal sagen – sicheren Hafen der Ehe zurückfindet. Nicht ohne moralischen Zeigefinger geht es auch in R.A. Stemmles „Gleisdreieck“ zu, in dem das Hohelied der Berliner U-Bahn gesungen wird, mit einem tadellosen Personal, einem „Bund von Männern, denen Kameradschaft selbstverständlich ist“, auch wenn einzelne Mitglieder vom Pfad der Tugend gelegentlich abweichen. Der Film entstand 1933, das merkt man ihm an.

Die Filmreihe erlaubt auch eine Wiederbegegnung mit „Berlin um die Ecke“ von Gerhard Klein, 1966 in der DDR gedreht. Auch hier brechen junge Menschen aus dem vorgeschrieben Leben aus, aber nicht aus moralischer Verirrung, sondern weil sie es mit der Moral sehr genau nehmen und mit ihrer Kritik nicht zurückhalten. Wegen dieser kritischen Töne wurde der Film noch vor Fertigstellung in den Giftschrank verbannt und daraus erst 1990 wieder befreit.

Die Reihe in dem zum Deutschen Historischen Museum gehörenden Kino folgt locker und nicht immer ohne Sprünge der Zeitgeschichte: die Endphase der Weimarer Zeit mit ihrem ambivalenten Blick auf Berlin als Moloch und Metropole, die NS-Zeit, in der noch vermeintlich harmlose Unterhaltung Propagandazwecken diente, die Abgründe des Schwarzmarkts der Nachkriegszeit, Teilung, fünfziger, sechziger Jahre, Rebellion und Aufbruch und so fort bis in die jüngste Gegenwart, bis hin zu Wolfgang Beckers „Das Leben ist eine Baustelle“ (1996) und Oliver Rihs’ „Schwarze Schafe“ (2006). 29 Facetten eines gefilmten Porträts der Stadt, quer durch über sieben Jahrzehnte.

Die Reihe „Berlin im Film“ im Zeughauskino, Unter den Linden 2, beginnt am 1. April, 20 Uhr, mit Robert Siodmaks „Menschen am Sonntag“, eingeleitet von Jeanpaul Goergen und am Klavier begeleitet von Peter Gotthardt. Weitere Informationen unter www.dhm.de/kino.

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