Stadtleben : Ziegen erst bei der Polizei, dann im Heim Erste Notaufnahme für Nutztiere eröffnet

Nachmittags harrten sie, von Amts wegen beschlagnahmt, noch auf einer Schöneberger Polizeiwache aus und meckerten gehörig. Dann sollte es für vier Ziegen dorthin gehen, wo sie besser aufgehoben sind und (eigentlich) nichts mehr zu meckern haben: in die erste Berliner Notaufnahme für verwahrloste Nutztiere im Tierheim am Hausvaterweg in Falkenberg. Gestern, am ersten Tag des „Familienwochenendes“, zu dem rund 7000 Besucher ins Tierheim kamen, wurde die erste Notaufnahme dieser Art eröffnet.

Sie wirkt wie ein kleiner Bauernhof mit sieben Ställen, Wirtschaftshaus und Koppeln, kostete 400 000 Euro aus Spendenmitteln. Ein Hängebauchschwein namens Eddy ist einer der ersten Bewohner, die ältere Dame, der er gehörte, konnte ihn nicht mehr halten. Eddys Gesellschaft bestand gestern zunächst in einer Hühnerschar, einem ausgesetzten Hahn und mehreren Hauskaninchen. Eine Stute und ihr Fohlen, Dolly und Julchen, werden noch erwartet, sie waren unterernährt und verdreckt aus einer Privathaltung befreit und zunächst beschlagnahmt worden.

„Wir wollen kein Gnadenhof sein“, betonte Marcel Gäding vom Vorstand des Tierheims. Es gehe darum, eine vorübergehende Unterkunft für bis zu 40 Tiere bereitzustellen. Früher hätte man sie rasch an andere Bauernhöfe oder ähnliche Einrichtungen vermitteln müssen, jetzt könnten sie erst einmal kompetent versorgt werden, hätten Zeit, zur Ruhe zu kommen und sich von den Strapazen ihrer früheren Domizile zu erholen. Es sei erstaunlich, wie viel Schweine und Hühner es in Privathaushalten gebe. Zur Notaufnahme werde auch ein „tierisches Klassenzimmer gehören. um Kindern und Jugendlichen umwelt- und artgerechte Tierhaltung zu erklären. Die Mischung aus Auffangstation und Bildungszentrum sei ein bundesweit einmaliges Projekt.

„Die Notaufnahme setzt Maßstäbe, wenn es um die qualifizierte und liebevolle Betreuung von in Not geratenen Pferden, Schweinen, Ziegen, Schafen, Hühnern, Enten und Kaninchen geht“, sagte Wolfgang Apel, Präsident des Tierschutzvereins für Berlin und des Tierschutzbundes. Mit der zuständigen Gesundheitssenatorin Katrin Lompscher (Linke) hatte Apel das Areal eröffnet. Marcel Gäding sagte, auch die Haltung von Zirkustieren sei in diesem Zusammenhang „ein wichtiges Thema“. Und er erinnerte daran, dass nach Ansicht des Tierschutzvereins die zunehmend angebotenen Kutschfahrten oft „Geschäftemacherei auf Kosten der Tiere“ sind.

Es sei schön, die neue Anlage zu eröffnen, schöner aber wäre es, wenn solche Einrichtungen gar nicht erst nötig seien, sagte die Senatorin und rief zu Spenden für den Tierschutzverein auf. Auch heute kann dieNotaufnahme von 11 bis 18 Uhr besichtigt werden. Im Lichtenberger Heim werden jährlich rund 12 000 Haustiere aufgenommen und meist auch an neue Besitzer vermittelt. Derzeit sind 1400 Tiere untergebracht.C. v. L.

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