Stadtleben : Zurück zu Rio

AUFTRITT DER WOCHE: Jan Plewka singt Klassiker der Ton Steine Scherben

Sebastian Leber

Manchmal übertreibt er es ein wenig. Wenn sich Jan Plewka auf die Bühne vor das künstliche Lagerfeuer hockt, um für den „Rauch-Haus-Song“ Besetzer-Romantik zu schüren, dann ist das nüchtern betrachtet ziemlich kitschig. Aber egal, dem Publikum gefällt’s: Das ist zu dem Zeitpunkt des Konzerts bereits so ergriffen, es würde sich vermutlich nicht einmal daran stören, wenn Plewka zur Zugabe vermummt auf die Bühne käme.

Jan Plewka, der Ex-Sänger der Rockband Selig, ist wieder mit seinem Rio-Reiser-Programm unterwegs. Seit knapp drei Jahren hat er damit Erfolg, die alten Stücke des verstorbenen Polit-Aktivisten und Ex-Frontmanns von Ton Steine Scherben neu zu interpretieren. Die Kritiken sind allesamt positiv, mittlerweile gilt der 37-Jährige als der einzig ernstzunehmende Reiser-Interpret überhaupt. Für die zwei Konzerte am Freitag und Sonnabend im Kesselhaus der Kulturbrauerei gibt es nur noch wenige Karten.

Angefangen hat es im Frühjahr 2005 mit einem Abend im Hamburger Schauspielhaus. Der damalige Intendant Tom Stromberg hatte Plewka Mut gemacht, sich an den Reiser-Stücken zu versuchen. „Es ist, als wenn man Gott spielen würde“, sagt der Sänger. Er nennt Reiser sein „großes Idol“, durch das Nachsingen von Liedern wie „Junimond“ kam er als Schüler selbst zur Musik.

„Junimond“ wird Plewka auch in der Kulturbrauerei spielen, ebenso wie die anderen Klassiker: „Keine Macht für niemand“, „Für immer und dich“, „Der Traum ist aus“. Eine vierköpfige Band begleitet Plewka auf Tour, sie nennen sich programmatisch „Die Schwarz-Rote Heilsarmee“. Bei den parolenhaften Refrains wird das Publikum zum Schluss laut mitsingen, vielleicht hebt wieder der eine oder andere seine Faust zum sozialistischen Gruß. Nur ein Lied spielt Plewka garantiert nicht: den „König von Deutschland“, Reisers größten Soloerfolg nach dem Ende von Ton Steine Scherben. Dieses Lied bleibe dem Original vorbehalten, sagt Plewka.

Eigentlich hatte der gebürtige Hamburger sich geschworen, nie wieder Musik zu machen. Nachdem seine eigene Band Selig in den Neunzigern zunächst drei erfolgreiche Alben veröffentlichte und sich dann zerstritt („Wir waren alle größenwahnsinnig geworden“), löste Plewka die Band auf und versteckte sich mit seiner Ehefrau in Schweden. Bis er Kontakt zu einem alten Freund, dem Schauspieler und Musiker Marek Harloff, aufnahm. Der schrieb ihm einen bösen Brief: „Wenn du aufhörst, Musik zu machen, bist du der größte Egoist, den ich kenne“, stand drin. Wegen des Talents, das man nicht einfach so verschwenden dürfe.

Das saß. Inzwischen spielen Harloff und Plewka gemeinsam in der Band Tempeau. Und die Reiser-Auftritte werden auch weitergehen. Vielleicht könnte Plewka ja bei den echten Ton Steine Scherben als Sänger einsteigen. Die stehen inzwischen als Scherben Family wieder auf der Bühne. Und wie man bei ihrem Auftritt am letzten 1. Mai in Kreuzberg hörte, könnten sie ein bisschen gesangliche Unterstützung gebrauchen. Sebastian Leber

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