STADTMENSCHEN : 480 Hummer und 99 Luftballons

Foto: Manfred Thomas
Foto: Manfred Thomas

Am Freitagabend feiert der Bundespresseball runden Geburtstag. Eröffnet wird er von Bundespräsident Christian Wulff. Im Interconti an der Budapester Straße in Tiergarten werden 2500 Gäste aus Politik, Medien und Wirtschaft erwartet; auf der Bühne stehen Sängerin Nena und die Rockband The Baseballs. Ein Blick in den Hotelkühlschrank verdeutlicht das Ausmaß dieses Gesellschaftsereignisses: 6500 Austern, 480 kanadische Hummer, 600 Magnumflaschen Champagner und 45 Kilo Spanferkelbäckchen …

Vom All-inclusive-Ball waren die Anfänge weit entfernt. Vor 60 Jahren fand der erste Ball im Bundeshaus in Bonn statt. Der Zweite Weltkrieg lag erst sechs Jahre zurück, die Stadt Bonn war noch zu einem Drittel zerstört. Aber Bundespräsident Theodor Heuss war dabei, und eine Modenschau gab’s auch schon. Ein Jahr später konnte sogar im mondäneren Ambiente des Spielcasinos in Bad Neuenahr gefeiert werden. Zu verdanken war das dem früheren Berliner Eishockeyspieler Gustav Jaenecke, der dort Direktor war. „Verbonnt in alle Ewigkeit“ lautete das Motto 1956. Die Ewigkeit sollte 33 Jahre dauern, bis der Fall der Mauer die Verbannung an den Rhein langsam auflöste. Als die Beethovenhalle wieder aufgebaut war, zog der Ball nach Bonn. Für den Herrn löste der Smoking den Frack als korrektes Kleidungsstück ab. Die 68er modifizierten die Dresscodes, Maokragen und weiße Rollis wurden möglich. Die Liberalisierung zeigte sich auch bei der Verlosung. 1972 gehörte zu den Preisen neben einem 100-Liter-Whiskyfass auch ein lebenslanges „Playboy“-Abo. 1999 zog der Ball nach Berlin ins Interconti, wo Kamerakabel erst mal die Vorspeisen der Gäste am Ehrentisch zerstörten. Raue Sitten schienen die rheinische Zivilisation zu verdrängen. Später wurde aus dem „Stehempfang mit Disco“, wie die Zuzügler aus Bonn lästerten, aber doch noch ein hochkarätiges Ereignis. Bi

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