Berlin : Stadtmenschen: Als Perlon-Strümpfe noch Hauptgewinne waren

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Damals, so versicherte Eberhard Diepgen, "war das Scheckheft Stadtgespräch". Dass der Regierende Bürgermeister die Fahrt zur Klausur-Tagung seiner Fraktion in Kloster Banz hinauszögerte, um ihm zu seinem fünfzigsten Erscheinen zu gratulieren, spricht dafür, dass es noch immer etwas ist. Aber was? Einerseits ist es eine Lotterie des Berliner Journalisten-Verbandes und der Notgemeinschaft der Deutschen Kunst zugunsten ihrer Sozialwerke und der Berliner Journalistenschule - Hauptgewinn immerhin eine halbe Million oder Wochenendhaus oder Ostsee-Appartement und und und. Andererseits öffnet es mit vielen Schecks den ermäßigten Eintritt zu Berliner Theatern, Museen, Kinos und anderen Veranstaltungen - deshalb ist sein eigentlicher Titel "Tag der offenen Tür". Aber man muss schon die Zeit bis seinem Geburtsjahr, 1952, zurückdrehen - wie das Alexander Kulpok, Vorsitzender des Journalisten-Verbandes bei der Festversammlung im Atrium der Dresdner Bank tat - ,um zu begreifen, weshalb es damals Furore machte. Da war man Berlin noch genügsam, starbegeistert - und eingeschlossen. Alternierend zur Zweieinhalb-Zimmer-Miet-Wohnung gab es als Hauptgewinne Gespräche mit Ernst Reuter, dem legendären Regierenden Bürgermeister, sowie Reisen zu Hans Albers an den Starnberger See oder zu Käthe Dorsch an den Attersee. Jeden Sonnabend ein paar Perlon-Strümpfe und die Bezahlung der Gas-Jahresrechnung zählten übrigens zur gleichen (Hauptgewinn-)Kategorie. Die Leistungen der Lotterie können sich sehen lassen: 27 Millionene Mark hat sie ausgeschüttet; 13 000 Künstler konnten - so berichtete Hanns Kirchner, Vorstand der Kunst-Notgemeinschaft - gefördert werden. Und obwohl nicht mehr Tagesgespräch, hat sich das Scheckheft gut gehalten. Knapp 50 Seiten hatte das erste Heft, rund 200 das Jubiäumsheft, bunt gemischt. Dito das Jubiläums-Programm: Der Pianist Pascal von Stocki - in Uniform, da gerade beim Bund -, die Chansonette Christin Marquitan und ein Musikrevue-Ensemble um Ingrid Krauß und Reinhard Ginzel. Und Wolfgang Gruner. Der saß erst etwas abwesend im Saal. Kaum auf der Bühne, war er ganz der alte.

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