STADTMENSCHEN : Bis die Lippen bluten: „Fluch der Karibik“ als Filmkonzert

Foto: dapd/Bilan Foto: dapd
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Teufel auch, gibt das ein Gemetzel, wenn Captain Jack Sparrow und seine Bande gesetzloser Piraten am Sonntag das Tempodrom am Anhalter Bahnhof entern. Auf der Leinwand sowieso, aber auch auf der Bühne. „Den Hornisten werden die Lippen bluten“, prophezeit Hans Zimmer Montagmittag auf seiner Werbestippvisite für das Filmkonzert „Fluch der Karibik“. Der mit einem Oscar und einer Tüte Grammys dekorierte deutsche Filmkomponist lebt seit Jahr und Tag in Hollywood und weiß, dass man von ihm nicht nur saftige Filmmusiken, sondern auch starke Sätze und demonstrative Vaterlandsliebe erwartet. Aber selbstredend freue er sich über seinen Stern auf dem Berliner Boulevard der Stars genauso sehr wie über den daheim in L.A. auf dem Hollywoodboulevard, beteuert der 1957 in Frankfurt am Main geborene Zimmer.

Dass der von Filmmusikpuristen immer wieder mit dem Verdacht, Hollywoods schlimmster Soundkleisterer zu sein, konfrontierte Zimmer kein Dummer ist, wird trotz solcher doofen Fragen klar. Die Musik für den Disney-Blockbuster „Fluch der Karibik“, der nach dem Auftaktkonzert in Berlin mit dem Filmorchester Babelsberg und einem Chor auf Tour durch Deutschland und Österreich geht, stammt nicht nur von seinem Kollegen Klaus Badelt und ihm, sondern von weiteren sieben Komponisten, wie er freimütig erzählt. „Alle im Studio mussten helfen.“ Regisseur Gore Verbinski habe ihn 2003 erst fünf Monate vor dem Kinostart des Piratenspektakels ins Boot geholt, da ging alles holterdipolter. Die Themen des mit fetten Streicher- und Bläsersätzen und Soundeffekten heroisch aufgeblasenen Scores, hat Zimmer in einer Nacht zusammengehauen. Frei nach der von Hauptdarsteller Johnny Depp als Keith-Richards-Fan auch optisch ausgebeuteten These „Piraten sind Rock’n’Roller“.

Mehr als 100 Filme haben seine im Stil mittelalterlicher Malerwerkstätten aus vielen fleißigen Helferlein bestehende Tonsetzerei in den vergangenen 30 Jahren verlassen. Von „Thelma & Louise“ über „Rain Man“ bis „Da Vinci Code“, aktuell sitzt er gerade an „Sherlock Holmes“ und „Batman“.

Obwohl er am Computer komponiert und stets Vorreiter darin war, elektronische Soundeffekte mit Orchestermusik zu sampeln, weiß er den musikalischen Atem und die atmosphärische Wirkung eines live auf der Bühne spielenden Klangkörpers zu schätzen. „Ihr habt im Deutschen doch den tollen Satz: Das Auge hört mit“, sagt der von plötzlicher Sprachverwirrung heimgesuchte Tonsetzer. gba

Tempodrom, So., 19 Uhr, ab 44 Euro

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